Gottesbild und Menschenbild im Judentum

In der Reihe der interreligiösen Kamingesprächen widmet sich der Religionswissenschafter und Judaist Juval Katz-Wilfing der Frage nach Gottes- und Menschenbild im Judentum. Er leitet den jüdisch-christlichen Koordinierungsausschuss in Wien.

Es ist der 9. November. Bereits ist es dunkel geworden. Vor 83 Jahren ereignete sich im ganzen deutschen Reich – auch Österreich gehörte dazu – die Reichspogromnacht. Synagogen und jüdische Häuser wurden zerstört. Juden und Jüdinnen wurden getötet. Aus dem Saal der evangelischen Gemeinde unter der Pauluskirche in Feldkirch dringt Licht. Es haben sich zahlreiche Menschen unterschiedlichen Alters und aus unterschiedlichen Religionen und christlichen Konfessionen versammelt. „Die jüdische Stimme fehlt im Dialog“ betonte Pfr. Margit Leuthold in ihrer Begrüßung zum interreligiösen Kamingespräch. „Um so mehr sind wir froh, dass wir im Rahmen des interreligiösen Kamingespräches zu einem gemeinsamen Lernen mit Texten aus der jüdischen Tradition zum Gottesbild und Menschenbild einladen dürfen“.
Am Tisch an der Stirnseite des Saals sitzt Juval Katz-Wilfing. Der gebürtige Israeli ist Religionswissenschafter und Judaist. Gleich zu Beginn stellt er klar, dass es keinen Vortrag im üblichen Sinn geben würde. Ihm schwebt eine Chevura vor. Der Ausdruck ist hebräisch und meint ein gemeinsames, gleichberechtigtes Lernen. Es gibt auch nicht die Antwort des Judentums auf die Frage noch Gottes- und Menschenbild. Deshalb hat er auch gleich mehrere herausfordernde Text zum Thema mitgebracht.

Der Name Gottes
Die biblische Grundlage für die Beantwortung der Frage nach dem Gottesbild ist dem Judentum und Christentum gemeinsam. In der Erzählung vom brennenden Dornbusch offenbart Gott Mose seinen Namen: „Ich bin, der ich bin. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der Ich-bin hat mich zu euch gesandt“. (Ex 3,14). Hier geht es nicht nur um einen Namen, sondern um das Wesen Gottes. Dies betont Raschi, einer der wichtigsten Bibelausleger des Mittelalters. Es geht darum, was Gott tut. Er ist bei seinem Volk. Das Wesen Gottes ist seine Beziehung zum Menschen.

Die Autonomie des Menschen
Zwei Texte des babylonischen Talmuds (mündliche Überlieferung, abgeschlossen im 6. Jh.) regten zu engagiertem Gespräch an. Im Traktat bBaba Mezia (59 a-b) findet sich eine Erzählung über die Geltung der jüdischen gelehrten (rabbinischen) Auslegung der heiligen Schrift. Darin wird erzählt, dass weder Wunder noch Gott selbst den Prozess der Auslegung der heiligen Schrift beeinflussen können. Es entscheidet das beste Argument und die Mehrheit der Gelehrten. Auf gegen die Auffassungen Gottes. Auf die Frage, wie Gott darauf reagiert hatte wird erzählt: „Er schmunzelte und sprach: meine Kinder haben mich besiegt, meine Kinder haben mich besiegt“.

Ein weiterer Text des Talmuds (Traktat bMenachot 29b) erzählt, dass Gott selbst in die Tora viel mehr als den buchstäblichen Sinn hineingelegt habe. Auch die gesamte mündliche Tradition und Auslegung ist in der Offenbarung an Mose auf dem Sinai bereits enthalten. Es ist die Aufgabe der Schriftgelehrten, diesen unendlich weiten Sinn herauszuarbeiten.

Der unerkennbare Gott
Der jüdische Gelehrte Mosche ben Maimon (Maimonides, 1138-1204) steht für eine philosophische jüdische Tradition. Er hatte seine Theologie in der Schrift „Führer der Verwirrten“ entwickelt. Für ihn sind die biblischen Erzählungen für die normalen Menschen gemacht. Diese brauchen konkrete Bilder, um Orientierung im Leben zu haben. Die Bibel enthält aber nicht die letzte Wahrheit über Gott. Dieser ist nicht fassbar und erkennbar. Er bleibt der ganz andere. Menschen können höchstens über ihn sagen, was er NICHT ist.

Die Gebote halten
Für den jüdischen Theologe Jeschajahu Leibowitz (1903-1994) kann es darum keine jüdische Theologie geben. Glaube bedeutet für ihn, die Gebote (Mizwot) aus Liebe zu befolgen. Besser ist es, sein Leben aus Liebe und ohne Gedanken an Lohn und Strafe zu führen, als die Gebote aus Furch vor Strafe oder aus der Hoffnung auf Belohnung zu halten. Aus diesem Grund kann es auch durchaus Juden geben, die gar nicht an Gott glauben und dennoch die Gebote halten.

Die Idee der Kamingespräche
Das Kamingespräch entstand vor über 10 Jahren durch die Initiative von Bischof em. Dr. Johannes Okoro seitens der Altkatholischen Kirche, mit dem Ziel, eine heilsame Beziehung mit den Religionsgemeinschaften in Vorarlberg zu knüpfen. Die Gespräche werden von der Evangelischen Pfarrgemeinde Feldkirch und der Altkatholischen Kirche in Vorarlberg getragen. Das Kamingespräch bietet einen offenen Raum, wo Menschen einander nahekommen können, die vielleicht anders denken, andere religiöse Ansichten haben, aus verschiedenen Herkunftsländern kommen.

Weitere Termine im Jahr 2021-22 jeweils 19-21 Uhr

14. Dezember 2021, 19 Uhr: evangelische Perspektive
11. Januar 2022, 19 Uhr: Perspektive der Baha’í
8. Februar 2022, 19 Uhr: Buddhistische Perspektive
8. März 2022, 19 Uhr: Islamische Perspektive
12. April 2022, 19 Uhr : Römisch-katholische Perspektive
10. Mai 2022, 19 Uhr: Rumänisch-orthodoxe Perspektive
14. Juni 2022: Perspektive der modernen Naturwissenschaft. Anschließend Agape und Abschlussfeier

Links
https://www.kath-kirche-vorarlberg.at/organisation/entwicklung/artikel/gottesbild-und-menschenbild-im-judentum

Von Hans Rapp veröffentlicht am 22.11.2021
Organisationsstelle: Entwicklung

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