Worte bei der Feier anlässlich des 130. Geburtstages der Synagoge Gänserndorf

Von 1971 bis 1974 habe ich von Wien aus Gänserndorf „entdeckt“ und pendelte drei Jahre lang, um katholische Religion zu unterrichten an den Hauptschulen – es gab eine für Knaben und eine für Mädchen, an der Sonderschule und am Polytechnischen Lehrgang. Damals zeigte ich in den 4. Klassen der Hauptschulen einen Film über das Ghetto in Warschau, den Aufstand dort am Vorabend zu Pessach 1943 und dessen Niederschlagung durch die SS. Vielleicht erinnert sich heute in Gänserndorf noch die eine oder der andere daran - mittlerweile im 60. Lebensjahr.
Die Einladung, beim Fest „130 Jahre Synagoge Gänserndorf“ zu sprechen, habe ich angenommen, weil die Begegnung mit den jungen Menschen aus Gänserndorf und seiner Umgebung von damals ein wichtiger Teil meiner Lebensgeschichte geworden ist. Zugleich spreche ich als Präsident des Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der ältesten interreligiösen Organisation Österreichs, in der Jüdinnen und Juden sowie Christeninnen und Christen verschiedener Konfessionen seit über 60 Jahren zusammenarbeiten. Ich danke allen, die diese Veranstaltung initiiert haben und tragen, ganz besonders aber Frau Ingrid Oberndorfer für Ihr Engagement als Expertin.
Seit dem Konflikt um die zweisprachigen Ortstafeln in Kärnten weiß ganz Österreich, wie sehr jede gesellschaftliche und politische Anerkennung der Öffentlichkeit und Sichtbarkeit bedarf. Fehlen diese, werden Öffentlichkeit und Sichtbarkeit verweigert oder gar getilgt, sind alle anerkennenden Worte hohles Pathos. Die Stadtgemeinde Gänserndorf unterstützt vom Verein Helikon sorgt für den Erhalt des Jüdischen Friedhofs, der weit außerhalb der Stadt Gänserndorf liegt. Es ist völlig unverständlich, warum sich die Stadtgemeinde nicht in gleicher Weise um den Erhalt der ehemaligen Synagoge und des Rabbinerhauses einsetzt, die mitten in der Stadt liegen. Oder liegt es daran, dass eine Erinnerung an jüdisches Leben weit außerhalb der Stadt möglich ist, es aber keiner Erinnerung inmitten der Stadt braucht? Fehlt deswegen auf der Homepage der Chronik der Stadtgemeinde Gänserndorf jeglicher Hinweis auf jüdisches Leben und dessen Zerstörung?
Das Präsidium des Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit hat schon vor einem Jahr in einer Erklärung, an die ich hier erinnern will, gefordert „Gebäude der Synagoge Gänserndorf vor der Zerstörung bewahren!“
„Der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der sich sowohl der gemeinsamen Vergangenheit wie einer gedeihlichen kooperativen Zukunft von Christen und Juden in Österreich widmet, hat mit Bestürzung die Nachricht aufgenommen, dass das Gebäude der ehemaligen Synagoge von Gänserndorf abgerissen werden soll, um einem Parkplatz Platz zu machen. Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1889 und wurde nach Plänen des bedeutenden Architekten Jacob Modern errichtet. Das allein macht es schon zu einem Denkmal, das schützenswert ist. Als Gebäude, in dem eine religiöse Gemeinde, die zum überwiegenden Teil nach 1938 ermordet wurde, sich zwischen 1889 und 1938 zum Gebet eingefunden hat, ist es außerdem ein historisches, unwiederbringliches Dokument. Im Erhalt solcher Gebäude, die zur Auseinandersetzung mit dem Judentum auffordern, spiegelt sich der seit der Erklärung des II. Vatikanischen Konzils „Nostra Aetate“ von 1965 offen formulierte Wunsch der Kirchen nach Berührungen mit historischen wie lebendigen jüdischen Gemeinden wider, um die Wurzeln christlichen Glaubens verstehen zu lernen.
Diese Aufforderung richtet sich auch an alle Christen und Christinnen. Im Gedenkjahr 2018, 80 Jahre nachdem Gänserndorf am 24. Oktober 1938 in einer Mitteilung an die Bezirkshauptmannschaft als "judenrein" erklärt wurde, soll nun die letzte Erinnerung an das jüdische Leben in der Stadt ausgelöscht werden.
Soll die jüdische Vergangenheit Gänserndorfs aus dem Gedächtnis zukünftiger Generationen der Stadt gelöscht werden? Soll damit gar verhindert werden, dass sich wieder jüdische Familien in Gänserndorf ansiedeln?
Wir appellieren an alle zuständigen oder auch nur interessierten Personen und Institutionen, gegen diesen Anschlag auf die Erinnerungskultur (Nieder-)Österreichs Einspruch zu erheben, damit die Zerstörungen jüdischer Kult- und Kulturbauten durch das Nazi-Regime nicht in der Republik Österreich weitergeführt werden.

Univ.-Prof.em.Dr. Martin Jäggle , Präsident Dr. Willy Weisz, Prof Helmut Nausner, Vizepräsidenten“
Ein eigenes Schreiben erging damals u.a. an den Bürgermeister von Gänserndorf. Es blieb bis heute unbeantwortet.

29.6.2019

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