Ein Gastkommentar

In einer Psycho-„Ferndiagnose“ bezeichnete Monika Wogrolly im Magazin News den ukrainischen Präsidenten Selenskyj unter anderem als „Vampir“, der „lügt und blendet“.

Dieser News-Artikel ist hochgradig antisemitisch
1987 stellte ein Politiker fest: „Solange nicht bewiesen ist, dass er (Waldheim) eigenhändig sechs Juden erwürgt hat, gibt es kein Problem.“ Er blieb noch Jahre Obmann des NR-Justizausschusses. 2015 polemisierte ein Theologe in Kirchenzeitungen gegen Pharisäer. Seine Antwort auf Kritik: „Ich habe doch eh nicht Juden gesagt.“ Noch heute werden in Wien „Pharisiäer“ zum Konsumieren angeboten. Die Verantwortlichen der Kirche St. Johann Kapistran, Wien 20., preisen ihren Kirchenpatron als „wahren Europäer“ und verweigern die Auseinandersetzung mit dessen Judenfeindlichkeit und Verantwortung u.a. für das Pogrom in Breslau im Jahre 1453. Die Anti-Corona-Demos sind ein Forum für Antisemitismus.
Auch wenn offener Antisemitismus in Österreich heute nicht mehr gesellschaftsfähig ist, steigen zugleich antisemitische Vorfälle. Jetzt soll, statt sich medienethisch darüber zu verständigen, strafrechtlich entschieden werden, was als antisemitisch einzustufen ist. Damit könnten strafrechtlich nicht fassbare antisemitische Praktiken noch mehr verharmlost werden.
Der Anlass ist ein Artikel von Monika Wogrolly zu „Die Psychologie der Macht“, erschienen in News Nr. 15 (15.4.2022). Die Philosophin und Psychotherapeutin bezeichnete den ukrainischen Präsidenten Selenskyi in einer Art Ferndiagnose u.a. als "Histrioniker", dessen Motiv es sei, "seine innere Leere aufzufüllen, was er wie ein Vampir unablässig tun muss und das, indem er lügt und blendet, um sich selbst zu beweisen, wie großartig er ist". Weiters schrieb sie: "Triebfeder kann hier, wie gesagt, das psychologische Trauma der jüdischen Vorfahren sein". In mena-watch kritisierte Christian Ortner den Beitrag heftig, auch mit Hinweis auf soziale Medien, wo eine derartige Wortwahl als antisemitisch bezeichnet wird: „Einen jüdischen Politiker mit einem ‚Vampir‘ zu vergleichen, der das Blut braver Christenmenschen saugt, wagten zuletzt als Blutsauger zu bezeichnen, wagten (…) zuletzt der Stürmer, der Völkische Beobachter u.a.“ Der Eigentümer und Herausgeber von News, Horst Pirker, sieht in der Veröffentlichung des Beitrags einen Fehler, den Vorwurf des Antisemitismus lehnt er aber ab und ließ Ortner bzw. den Herausgeber von mena-watch klagen.
Die geschichtlich wirkungsmächtigste Verleumdung von Juden und Jüdinnen ist die Anschuldigung, sie benötigen Blut. Das führte u.a. seit dem 12. Jahrhundert zur Ermordung und Verfolgung von Juden und Jüdinnen, zu Lynchjustiz und Pogromen.
Ein Vampir ist laut Duden Herkunftswörterbuch „ein Verstorbener, der nachts aus dem Grab steigt, um Lebenden Blut auszusaugen“. Wenn die „Triebfeder“ das „Trauma der jüdischen Vorfahren“ ist, liegt es Selenskyj „im Blut“, „wie ein Vampir unablässig“ handeln zu müssen.
Das ausdrucksstarke Bild des Vampirs ist herabsetzend, beleidigend und durch seine jüdische Konnotierung antisemitisch. Es ist zugleich hervorragend geeignet, die jahrhundertelange Anschuldigung, Juden und Jüdinnen benötigen Blut für religiöse Zwecke, wachzurufen. Dadurch ist der Artikel als hochgradig antisemitisch zu bewerten.
Dabei sind Ritualmordvorwürfe weiterhin wirksam, auch nach 1945 in Europa. So ist der durch eine Ritualmordlegende begründete Kult um das „Anderl von Rinn“ (bei Innsbruck) zwar seit 1994 kirchenamtlich aufgehoben, trotzdem wird – auf Privatgrund – jährlich Anderl von Rinn in Gottesdiensten mit zahlreichen Gläubigen verehrt. Aktuell gibt es Ritualmordvorwürfe in islamischen Ländern.
Antijüdische Hostienschändungslegenden begründen in Österreich Ortsnamen und Kirchen, wodurch die Vorstellung von blutgierigen Juden unverändert präsent und virulent ist (Kirche zum Heiligen Blut in Pulkau, Heiligenblut in Raxendorf, Heilig-Blut-Kapelle der Pfarrkirche zum Heiligen Georg, Pfarrkirchen b. Bad Hall u.v.m.).
Gerade österreichische Antisemiten „bedienten sich vorzüglich der Ritualmordthese“ (W.P.Eckert). Propagandist jüdischer Ritualmorde war Pfarrer Dr. Josef Deckert (1843-1901), der „antisemitische Conferencen“ in der neu errichteten Kirche von Weinhaus, Wien 18., veranstaltete.
Als Ursache für das Aufkommen des Bildes vom „blutgierigem Juden“ wird angenommen, dass auf dem Boden des mittelalterlichen Aberglaubens, Juden wären verteufelt, sich die Vorstellung entwickeln konnte, Juden wären Ritualmörder. Erstmals belegt ist die Ritualmordlegende, die an den Tod des 12jährigen christlichen Buben William 1144 in der englischen Stadt Norwich anknüpft und sich rasch in Europa verbreitete.
Hinzu kam die Anschuldigung, Juden bräuchten das Blut von Christen, vorwiegend von christlichen Kindern, u.a. zum Einbacken der Mazzen. Auf deutschem Gebiet ist diese Blutanklage erstmals 1235 in Fulda nachgewiesen. Der christliche Boden für die „Blutbeschuldigung“ ist die 1215 vom 4. Laterankonzil dogmatisierte Transsubstantiationslehre, wonach Wein und Brot in der Feier der Eucharistie realiter in das Blut und den Leib Christi verwandelt werden. Aufgrund der gegenständlichen Vermittlung im Volksglauben verband sich der Ritualmordvorwurf mit dem des Hostienfrevels. Besonders absurd ist die „Blutbeschuldigung“, da religiösen Juden und Jüdinnen der Genuss von Blut strikt verboten ist.
Für die katholische Kirche und die Theologie heute sind alle Anschuldigungen eines jüdischen Hostienfrevels unhaltbar. Sie dienten als Vorwand oder Rechtfertigung für Mord und Verfolgung von Juden. Paul Chaim Eisenberg formulierte treffend: „Das einzige Blut, das 1338 in Pulkau floss, war das von Juden.“

Die Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) ist von der Bundesregierung 2017 übernommen worden. Sie nennt als Beispiele:
„Der Antisemitismus manifestiert sich in Wort, Schrift und Bild sowie in anderen Handlungsformen, er benutzt unheilvolle Stereotype und unterstellt negative Charakterzüge.“
„Falsche, entmenschlichende, dämonisierende oder stereotype Anschuldigungen gegen Jüdinnen und Juden.“

Der Autor ist Univ.-Prof. i. R. für Religionspädagogik und Präsident des Koordinierungsausschusses für christl.-jüd. Zusammenarbeit.