Gedenken verlangt, den Boden des Antisemitismus auszutrocknen

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Es hat viel zu lange gedauert, bis der Opfer der Shoa auch in Österreich gedacht wird. Stand dabei anfangs die erschreckend große Zahl der Opfer im Vordergrund, sind es jetzt die konkreten Menschen. So sollen die „Steine der Erinnerung“ an den Orten, an denen jüdische Wiener_innen gelebt haben, an diese erinnern. Am kommenden Dienstag, den 9. November, wird im Ostarrichipark die „Namensmauern Gedenkstätte für die in der Shoah ermordeten jüdischen Kinder, Frauen und Männer aus Österreich“ eingeweiht. Hier sind alle 65.000 bekannten Namen der Opfer eingraviert. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden die Synagogen im ganzen damaligen NS-Herrschaftsbereich zerstört. Die Novemberpogrome 1938 waren der Auftakt zur Shoah. Was staatlich organisiert war, hatte im tiefverwurzelten gesellschaftlichen Antisemitismus und Judenhass seinen Rückhalt.
Die gegenwärtige Diskussion um die Erinnerungskultur nimmt jetzt stärker jene Personen in den Blick, die aktiv Judenfeindschaft gefördert haben und noch immer im öffentlichen Raum besonders gewürdigt werden durch Ehrengräber, Straßennamen und Denkmäler. Das führt selbstverständlich zu Kontroversen in Gesellschaft und Politik. Um diese Konflikte kommt man nicht herum, sie sind sogar notwendig, ja sie können heilsam sein, wenn Formen der Auseinandersetzung gefunden werden, die zu einer erneuerten Erinnerungskultur führen. Hier in Wien ist es Karl Lueger, dessen Denkmal unverändert ehern am Luegerplatz steht. Wie können seine Verdienste um die materielle Infrastruktur der Stadt unverändert höher bewertet werden als seine Förderung des Antisemitismus? Antisemitismus war Instrument seiner Politik.
Die Diskussion um die Erinnerungskultur betrifft aber auch z.B. die römisch-katholische Kirche. So war der hl. Johann Kapistran im 15. Jahrhundert ein einflussreicher kirchlicher Akteur bei der Verfolgung von Jüdinnen und Juden bis hin zu einem Pogrom in Breslau, das er persönlich angezettelt hat. Warum ziehen z.B. die Verantwortlichen für die Kirche St. Johann Kapistran in Wien und deren Gemeinde daraus bisher keine Konsequenzen? Weil das für sie eine vernachlässigbare Praxis und Episode im Leben des Heiligen darstellt?
Ganz anders die Pfarrgemeinde Wien-Weinhaus. Der Pfarrer Josef Deckert, nach ihm war 100 Jahre lang der Kirchenplatz benannt, hat im 19. Jahrhundert in der neugebauten Kirche antisemitische Konferenzen abgehalten. Als Propagandaveranstaltungen stellen sie eigentlich eine Art von Kirchenschändung dar. Verhetzung ist eine unsittliche Handlung. Die Pfarrgemeinde hat sich dieser Vergangenheit in beispielhafter Weise angenommen, auch weil sie den Blick weitete auf die jüdischen Opfer im Pfarrgebiet in der Zeit des Nationalsozialismus.
Was noch vielfach aussteht, ist sich den „gefährlichen Bilder“ in Kirchen zu stellen, in denen das Judentum herabgewürdigt, mit Unterstellungen verdächtigt, ja sogar vernichtet wird. Die Auseinandersetzung mit ihnen bietet die Chance, den religiösen Boden des Antisemitismus in Österreich auszutrocknen.

Martin Jäggle
ist Präsident im Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

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