Groen, Bert ANTIJUDAISMUS IN DER CHRISTLICHEN LITURGIE UND VERSUCHE SEINER ÜBERWINDUNG

Die Trennung, das gegenseitige Schisma zwischen Judentum und Christentum war ein langer und sehr komplizierter Prozess, der je nach Ort unterschiedlich war und bis zum zweiten, dritten Jahrhundert, mancherorts vielleicht bis zum vierten, fünften Jahrhundert dauerte. Auch danach gingen die Dialektik zwischen den beiden Religionen sowie gegenseitige Abgrenzungen – auch im Bereich des Gottesdienstes – weiter.
1. EINFÜHRUNG
Bekanntlich und bedauerlicherweise ist die Beziehung zwischen Judentum und Christentum höchst ambivalent. Heute Abend werde ich auf das in fast allen christlichen Liturgiefamilien weit verbreitete Phänomen des Antijudaismus eingehen. Dieser Antijudaismus entstand als Folge der zunehmenden Entfremdung zwischen dem rabbinischen Judentum und dem am Anfang ebenfalls jüdischen „Weg“ (hê hodos) der Anhänger Jesu. Die Trennung, das gegenseitige Schisma zwischen Judentum und Christentum war ein langer und sehr komplizierter Prozess, der je nach Ort unterschiedlich war und bis zum zweiten, dritten Jahrhundert, mancherorts vielleicht bis zum vierten, fünften Jahrhundert dauerte. Auch danach gingen die Dialektik zwischen den beiden Religionen sowie gegenseitige Abgrenzungen – auch im Bereich des Gottesdienstes – weiter.
Seitens des Christentums entstanden leider eine Haltung der Herabwürdigung des Judentums sowie eine heftige antijüdische Polemik, die sich nicht nur in gelehrten Traktaten sondern auch in mehreren liturgischen Gesängen, Gebeten und Ritualhandlungen niederschlug und gelegentlich in antisemitische Beschimpfungen entartete.
Hinsichtlich der Liturgie stellt die antijüdische Polemik keine Erfindung der lateinischen und byzantinischen Liturgen und Hymnendichter dar, sondern sie hat ihre Wurzeln schon in der Bibel selbst. Jüdische prophetische Selbstkritik, wie sie zum Beispiel von Jesaja, Jeremia, Ezechiel, Hosea und Micha geübt wird, sowie die Selbstkritik in der späteren jüdischen Tradition wurden von Christen gebraucht und missbraucht und gegen das ganze jüdische Volk gerichtet. Weiterhin stehen manche Schriften aus dem Neuen Testament, zum Beispiel das Johannesevangelium oder die Apostelgeschichte, denjenigen Juden, die Jesus nicht als den Messias annahmen, sehr polemisch gegenüber.
Die lateinischen und byzantinischen Dichter beziehen sich auch auf die patristische Apologetik und auf gelegentliche Schimpftiraden gegenüber dem Judentum (u.a. Melito von Sardes, Efrem der Syrer, Johannes Chrysostomos und Augustinus). Zudem spielt der gesellschaftliche Kontext eine Rolle, nämlich die Tatsache, dass das Judentum von der christlichen Übermacht – seit dem vierten Jahrhundert – herabgewürdigt und unterdrückt wurde. Die Kirche und der christliche Staat betrachteten sich als das „wahre Israel“, Gott hatte ja die Juden „verstoßen“. Obwohl das Judentum eine „erlaubte Religion“ war, wurden Juden wie zweitrangige Bürger behandelt. Juden wurden entrechtet, verbannt, gettoisiert, verfolgt, ihre Güter wurden beschlagnahmt usw.
In einigen christlichen Großkirchen ist der Antijudaismus im Zuge der jüngsten Liturgiereformen erheblich geringer geworden, ja, es wird nun bewusst auf das jüdische Erbe und auf das heutige jüdische Volk positiv Bezug genommen. In einigen anderen Kirchen lebt – besonders in der Karwochenliturgie – der liturgische Antijudaismus fort. Ich werde mich jetzt auf die römisch-katholische Kirche sowie auf die evangelische Kirche, insbesondere die lutherische, im deutschen Sprachraum konzentrieren. Aus Beschränkungsgründen werde ich die Praxis in den anderen evangelischen Kirchen, in der altkatholischen, anglikanischen, orthodoxen Kirche usw. nicht besprechen.
Mein Vortrag ist dem Andenken am 2005 verstorbenen Richard Ames gewidmet. Dieser liebenswürdige jüdische Grazer Bürger amerikanischer Abstammung setzte sich sehr für den jüdisch-christlichen Dialog ein – sowohl innerhalb als auch außerhalb Österreichs – sowie für ein besseres Verständnis zwischen allen Weltreligionen.
2. RÖMISCH-KATHOLISCHE KIRCHE
In der Karfreitagsliturgie des im Zuge der Reformarbeit des Trienter Konzils im Jahr 1570 erschienenen Römischen Messbuches – dieses war bis zum Ende der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts in der katholischen Kirche vorgeschrieben – wurde zunächst eine Lesung aus dem Buch Hosea vorgetragen. Die Hauptthemen dieser Lesung, die wie die ganze Liturgie in Latein gehalten wurde, sind die Rückkehr zum heilenden Herrn, der „uns“ am dritten Tag wieder aufrichtet, und das harte Urteil über Efraim und Juda. Das negative Hosea-Urteil über die jüdischen Volksgruppen wurde in christlichen Kommentaren oft auf die Juden als solche angewandt, weil sie davon überzeugt waren, dass diese Christus, den Retter ermordet hatten.
Es wurde auch die Johannespassion (Joh 18-19) vorgetragen. In dieser Passion sind die Judaei jüdische Autoritäten, Gegner Jesu, die ihn verhaften und ihn mit Hilfe der römischen Behörden kreuzigen lassen. Die Dramaturgie des Verlesens – der Priester las die Worte Jesu, andere lasen die Worte der Judaei, der Apostel usw. – hatte als Konsequenz, dass die Rolle der Judaei vom Volk in der Kirche stark und negativ wahrgenommen wurde. Viele Kirchgänger werden wohl Judaei mit „den Juden“ gleichgesetzt haben, von denen die heutigen Juden die direkten Nachfahren wären: Werden die Kirchgänger sich überlegt haben, dass die Judaei aus dem von einem Juden namens Johannes verfassten Evangelium nicht identisch mit dem ganzen jüdischen Volk sind?
Ähnliches gilt für die Rollenverteilung in der Matthäuspassion, die am Palmsonntag vorgetragen wurde: Die in einer Sonderrolle verlesenen Aufforderungen des Volkes an Pilatus, Jesus zu kreuzigen sowie die Aussage des „ganzen Volkes“, das Blut Jesu solle über dasselbe und seine Kinder kommen, dramatisierten die Passion und trugen gewiss dazu bei, dass viele Christen und Christinnen die Schuld am Tod Christi den Juden und Jüdinnen zuschrieben.
Dann folgten in der Karfreitagsliturgie die Großen Fürbitten: Der Priester sang feierlich neun Fürbitten, darunter eine für die Juden. Diese stand nach der Fürbitte für die Ketzer und Schismatiker und vor derjenigen für die Heiden. Es wurde gebetet „für die treulosen Juden“ (pro perfidis Judaeis). Der Priester rief dazu auf, zu beten, dass Gott „den Schleier von ihren Herzen wegnimmt, damit auch sie Jesus Christus erkennen“. Die Themen des gleich darauf folgenden Gebets sind das Mitleid, das Gott „sogar“ mit der „jüdischen Treulosigkeit“ hat; die Verblendung des jüdischen Volkes; die Bitte an Gott, dass es von seiner Finsternis befreit werde und das Licht der Wahrheit, Christus, erkenne. Im Gegensatz zu den acht anderen Fürbitten, bei denen der Priester die Gläubigen jeweils zum Gebet aufrief, der Diakon diese aufforderte zu knien und der Subdiakon seinerseits sie wieder aufforderte aufzustehen, geschah das nun nicht. Der Grund für die seit dem Ende des achten Jahrhunderts bezeugte Unterlassung des Kniens war, dass sich – wie man annahm – die Juden vor dem leidenden Christus niedergekniet hätten, um ihn zu verhöhnen. Gerade diese liturgische Symbolhandlung erweckte bei den meisten katholischen Kirchgängern den Eindruck, dass mit den Juden etwas grundlegend nicht in Ordnung war. Vielleicht kann man sagen, dass dieses auffällige körperliche Zeichen mehr als jedwede verbale Äußerung während des zweiten Jahrtausends in der Westkirche die ablehnende Haltung den Jüdinnen und Juden gegenüber forciert hat.
Zur Kreuzverehrung nach den Fürbitten wurden die Improperia vorgetragen: Die Klage Gottes über Sein Volk, das Er aus Ägypten führte und in der Wüste ernährte und das Ihm dafür Folter, Galle und Essig zurückgab. Die Improperien haben eine lange Vorgeschichte. Bereits im Alten und im Neuen Testament und in einigen Schriften des nachbiblischen Judentums gibt es Gegenüberstellungen von Gottes guten Taten und den Sünden Israels. Vorwürfe in der apokryphen Literatur, in Predigten und anderen Schriften einiger Kirchenväter über die jüdische Schuld am Tod Jesu, die den Gegensatz zwischen Juden und Christen förderten, wurden in die christliche Liturgie aufgenommen. Während der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends gab es in der Ost- und in der Westkirche mehrere Versionen der Anklagen. Im römischen Ritus sind die Improperien am Ende des ersten Jahrtausends bezeugt.
Im Römischen Messbuch von 1570 findet man die „Großen Improperien“ und die „Kleinen Improperien“ vor. Der Priester spricht in einer Kombination von Bibelstellen etwa: „Mein Volk, was habe ich dir getan, womit nur habe ich dich betrübt? Antworte mir. Aus der Knechtschaft Ägyptens habe ich dich herausgeführt. Du aber bereitest das Kreuz deinem Erlöser. Mein Volk, was habe ich dir getan? Vierzig Jahre habe ich dich geleitet durch die Wüste. Ich habe dich mit Manna gespeist und dich hineingeführt in das Land der Verheißung. Du aber bereitest das Kreuz deinem Erlöser. Mein Volk, was habe ich dir getan? Was hätte ich dir mehr tun sollen und tat es nicht? Als meinen erlesenen Weinberg pflanzte ich dich, du aber brachtest mir bittere Trauben, du hast mich in meinem Durst mit Essig getränkt und mit der Lanze deinem Erlöser die Seite durchstochen. Mein Volk, was habe ich dir getan?“
Der Diakon antwortete mit einem griechischen Kehrvers: „Heiliger Gott, heiliger starker Gott, heiliger unsterblicher Gott, erbarme dich unser.“
Obwohl in den sich im Missale Romanum befindlichen Improperien weder die Juden namentlich genannt werden noch das angeklagte Volk verurteilt wird, ist der Text oft – statt auf die versammelte christliche Gemeinde – auf das jüdische Volk angewandt worden. Die vorausgegangene Johannespassion und ihre Dramaturgie, die vom Urteil Gottes über Juda und Efraim sprechende Lesung aus Hosea, die „Fürbitte“ für die Juden, die eher einer „Gegenbitte“ gleichkam und der Brauch des Nicht-Kniens forcierten natürlich die Anwendung der Improperien auf die Juden.
Vor diesem Hintergrund kam es im Lauf der westlichen Kirchengeschichte – vor allem im Hochmittelalter – mehrfach zu Pogromen am Karfreitag. Den Juden wurden nicht nur das Umbringen des Heilandes, sondern auch angebliche Hostienschändungen und Ritualmorde an christlichen Kleinkindern vorgeworfen. Volkstümliche, paraliturgische Passions- und Osterspiele beinhalteten nicht selten antisemitische Elemente, die den Judenhass schürten. Die Höhepunkte des christlichen liturgischen Jahres, die Karwoche und das Osterfest, waren also für Jüdinnen und Juden oft lebensgefährliche Zeiträume. Liturgischer Antijudaismus trug zum gesellschaftlichen gewalttätigen Antisemitismus bei.
Es wäre zu einfach, zu denken, dass diese Sachen ausschließlich das Erbe der römisch-katholischen Kirche sind. Auch die evangelischen Kirchen, die anglikanische Kirchengemeinschaft und die altkatholische Kirche sind vom mittelalterlichen Erbe beeinflusst worden.

Der Auslöser für eine grundlegende Veränderung war die Ermordung des europäischen Judentums während des Zweiten Weltkrieges. Auch während der Schrecken dieses Krieges und der Schoa betete die römisch-katholische Kirche wie oben beschrieben. Besonders das Ritual der Karfreitagsfürbitte hat den gewalttätigen und für den Genozid verantwortlichen nationalsozialistischen Antisemitismus alles andere als gebremst. Obwohl pro (perfidis) Judaeis gebetet wurde, handelte es sich in ihrer Wirkungsgeschichte eher um eine Bitte contra Judaeos. Diese „Fürbitte“ ist jedoch nicht mit dem Antisemitismus der Nazis identisch. Letzterer hat noch andere finstere und viel radikalere Quellen.
Bald nach dem Zweiten Weltkrieg begann die kirchliche Revisionsarbeit an der Karfreitagsfürbitte für die Juden. Zunächst blieb diese Arbeit eher vorsichtig und ineffizient. Bedeutungsvoll war, dass 1956 die Kniebeuge und das stille Gebet wieder eingeführt wurden. So wurde ein für das Judentum erniedrigendes Brauchtum abgeschafft. Gleichzeitig bekam die Fürbitte für die Juden eine neue Überschrift: „für die Bekehrung der Juden“ (pro conversione Judaeorum). Die Veränderung der Überschrift war eher ein Rückschritt, weil sie mit der umstrittenen Judenmission in Verbindung gebracht werden konnte.
Der Durchbruch kam mit dem Pontifikat Johannes XXIII. Am Karfreitag im Jahr 1959 rief der neue Papst dazu auf, pro Judaeis zu beten und im Gebet selber sagte er statt judaicam perfidiam schlechthin Judaeos. Er ordnete die weitere Revidierung der Texte über die Juden an und ließ ab 1960 für die gesamtkirchliche Liturgie die Worte perfidi und perfidia streichen.
Ein weiterer Durchbruch war das am 28. Oktober 1965 promulgierte Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils, Nostra Aetate. In diesem Text unterstreicht die Kirche ihre Verbundenheit mit dem „Stamme Abrahams“ sowie den „unwiderruflichen“ Bund Gottes mit den Juden. Sie stellt fest, dass weder das gesamte damals lebende jüdische Volk noch die heutigen Juden, sondern die damaligen jüdischen Behörden für den Tod Christi verantwortlich sind. Sie beklagt den Antisemitismus und sagt, dass Christus das Kreuz freiwillig auf sich genommen hat und dass dies ein Zeichen der Liebe Gottes für alle Menschen ist (und daher keinen Grund zum Judenhass darstellt).
Das Dekret ist das Ergebnis zäher Verhandlungen und Kompromisse und hat mehrere Versionen erlebt. Trotz des großen politischen Druckes aus der arabischen Welt und trotz der bei einigen Teilen des Episkopats weiterlebenden Theologie der Verstoßung des „uneinsichtigen“ jüdischen Volkes durch Gott wurde der Text schließlich angenommen und zur offiziellen Kirchenlehre erklärt. So leistete er – und leistet er noch immer – einen wichtigen Anstoß zu weiteren Revisionen. Auch andere außerliturgische Initiativen, wie zum Beispiel der Besuch von Papst Johannes Paul II. in der Großen Synagoge Roms im Jahr 1986; das Knüpfen diplomatischer Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat Israel im Jahr 1993; und das von Johannes Paul II. gesprochene Schuldbekenntnis am ersten Fastensonntag im „Heiligen Jahr 2000“ bezüglich der Sünden vieler Christen dem jüdischen Volk gegenüber, leiteten eine weitere Annäherung zwischen der römisch-katholischen Kirche und der jüdischen Welt ein.
Auch von evangelischen Kirchenführern wurden bedeutende Wegzeichen gesetzt. In der Catholica, in der Reformata, bei ökumenischen Sitzungen und in christlich-jüdischen Gremien wurden relevante Dokumente verabschiedet. Es wurden theologische Studien über die jüdisch-christlichen Beziehungen verfasst. Es ist klar, dass es sich hier einerseits um völlig neue Seiten im Buch der in dieser Hinsicht schwer belasteten Kirchengeschichte handelt, und dass andererseits der gerade eingeschlagene Weg einer authentischen Begegnung mit dem Judentum noch lang sein muss.

Das neue römische Messbuch, das im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils im Jahr 1970 erschien, hat in der erneuerten Karfreitagsliturgie die Hosea-Lesung ersetzt durch eine aus dem Buch Jesaja über den leidenden Knecht des Herrn. Die Johannespassion ist erhalten geblieben. Zudem ist eine Predigt vorgesehen. Es folgen die Großen Fürbitten. Die Karfreitagsbitte für die Juden lautet nun völlig anders als ihre umstrittenen Vorgängerinnen. Es wird nun „für die Juden“ schlechthin gebetet (pro Judaeis), zu denen Gott „zuerst“ gesprochen hat. Man betet um Wachstum ihrer Liebe zu Gottes Namen sowie um Treue zum Gottesbund, und dass sie zur Fülle der Erlösung gelangen mögen. Die Erstberufung Israels sowie herausragende Merkmale der jüdischen Religion wie die Tora und die Heiligung des Gottesnamens werden also ausdrücklich genannt und gewürdigt. Jeglicher Bekehrungsgedanke fehlt. Die Fürbitte befindet sich nun unmittelbar nach derjenigen für die Einheit der Christen.
Der neue Text der Karfreitagsfürbitte ist äußerst wichtig, weil er die via judaica klar und positiv zeigt und an einer Kernstelle im Kirchenjahr bezeugt, dass Christinnen und Christen gemeinsam mit Jüdinnen und Juden – trotz Unterschiede in der Wahrnehmung der Bedeutung von Jesus von Nazareth – Gefährten auf Gottes Wegen sind: Ohne Israel und das Judentum – nicht nur das historische, sondern auch das heutige – sind authentische christliche Theologie und Liturgie unmöglich. Die neue Karfreitagsfürbitte für die Juden hat Konsequenzen für die Lehre und das Handeln der Kirche in Bezug auf das jüdische Volk im Allgemeinen.

Die Improperien sind im neuen Missale Romanum als Teil der Kreuzverehrung erhalten geblieben, obwohl sie nun fakultativ sind und in der jeweiligen Volkssprache vorgetragen werden. Die frühere Rolle des Diakons ist vom Chor oder Volk übernommen worden. Im katholischen Gesangbuch „Gotteslob“ – das offizielle Gesangbuch für die Katholische Kirche in Deutschland und Österreich – findet sich ein paraphrasierendes Lied (Nr. 206).
Einige Theologen plädieren heutzutage dafür, die Improperien zu streichen, aufgrund ihrer historischen antijüdischen Anwendung. Viele andere katholische Theologen und Liturgiewissenschaftler warnen jedoch vor so genannten „judenfeindlichen Fehldeutungen“ dieser Gottesklage. Ihrer Meinung nach sind die Improperien nicht an die Juden, sondern an die christliche, im Gottesdienst versammelte Gemeinde gerichtet: Es ist die Gemeinde, die sich selbst reumütig als treuloses Volk erkennt und zur Gerechtigkeit aufgerufen wird. Die entscheidende Frage ist also eine liturgie-hermeneutische: Wer ist „mein Volk“ in den Improperien? Das „erbarme dich unser“ des griechischen Kehrverses „Heiliger Gott …“ gibt die Deutungsrichtung klar vor.
Doch bleibt die Tatsache der Jahrhunderte langen Anwendung dieses Textes auf die Juden bestehen und er bleibt darum problematisch. Die liturgische Praxis ist übrigens recht unterschiedlich. In einigen römisch-katholischen Pfarrgemeinden werden die Improperien vorgetragen, in anderen werden sie durch einen Alternativtext oder -gesang ersetzt.

Der ehemalige Jesuit und international bekannte Dichter liturgischer Lieder der sich für biblische und liturgische Erneuerung einsetzenden Studentenekklesia in Amsterdam, Huub Oosterhuis, verfasste in den Sechzigerjahren Karfreitagsfürbitten, in denen für alle Opfer von Krieg und Rassenkampf, alle Einsamen, Armen, diejenigen, die den Glauben verloren haben, die Verbitterten usw., gebetet wird. Wenn auch hier nicht explizit für das jüdische Volk gebetet wird, durchzieht die Auseinandersetzung mit dem jüdischen Glauben fast das gesamte Oeuvre von Oosterhuis. Er entdeckte immer mehr die jüdischen Wurzeln Jesu und Marias, Jesus als „Sohn der Tora“, die Bibel als jüdisches Buch. Er lehnt einen Gegensatz zwischen der jüdischen und der christlichen Heiligen Schrift ab, verarbeitet in seinen Dichtungen immer mehr Motive aus der Tora, dem Psalter, den Propheten und den übrigen Büchern der jüdischen Bibel, und spricht konsequent von der Kontinuität zwischen Mose, den Propheten und Jesus. In der Schrift geht es seiner Meinung nach um Exodus, Befreiung und Auferstehung, um die prophetische Vision einer neuen Erde mit Essen, Unterkunft, Freiheit, Gerechtigkeit und Erbarmen für alle. Jesus Christus nennt er in seinen Gebeten – im Besonderen in seinen eucharistischen Hochgebeten – unter anderem „Jesus, deinen Knecht“, gelegentlich „unseren Knecht“. Gott ist gesegnet wegen „Israel, Deiner heiligen Weinrebe“, sowie wegen des „lebendigen Wortes von Mose und den Propheten“, an denen Er die Gemeinde – durch „Jesus, deinen Knecht“ – beteiligt.
In den für den Karfreitag verfassten Gebeten und Liedern von Oosterhuis wird nicht nur des Todes Jesu gedacht, sondern auch der Ermordung so vieler seiner jüdischen Geschwister während Pogromen, in Auschwitz und anderen KZ-Lagern. Wie Jesus wurden auch sie zur Schlachtbank geführt und standen stumm vor ihren Scherern. Oosterhuis schlägt ein „Bewusstwerdungsgebet“ während der Karfreitagsliturgie vor, in dem die christliche Gemeinde sich überlegt, in wiefern sie antijüdische Auffassungen unterstützt. Dieses Gebet wird mit Psalm 130 („Aus der Tiefe …“) abgeschlossen. Auch plädiert der Dichter für einen Gottesdienst, in dem die zusammen gehörenden Ereignisse von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu in einer Feier erfahren und dargestellt werden. Statt der Matthäuspassion mit ihrem oft gegen das jüdische Volk verwendeten Vers „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ und der Johannespassion mit ihrer Ablehnung der „Juden“ (Ioudaioi) schlägt er die Lukaspassion vor. Seines Erachtens zeigt Lukas, dass nicht das jüdische Volk, sondern einige korrupte Führer dieses Volkes sowie römische Soldaten verantwortlich für Jesu Leiden sind, dass das Volk jedoch mit Jesus sehr sympathisierte.

3. EVANGELISCHE KIRCHE
Wenden wir uns nun der liturgischen Praxis in der evangelischen Kirche zu. Die Improperien sind in der lutherischen Tradition bekannt geblieben. (In der reformierten Tradition waren sie weitgehend verschwunden.) Heutzutage werden sie am Karfreitag in mehreren evangelischen Kirchen vorgetragen oder gesungen.
Ebenso wenig wie die katholische Kirche, war die deutschsprachige evangelische Glaubensgemeinschaft immun gegen den Virus des Antisemitismus. Zudem war die Judenmission Jahrhunderte lang auch für den Protestantismus eine völlig „normale“ Sache.

Im neuen „Evangelischen Gottesdienstbuch“, das am Ende der Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts von der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands und der Evangelischen Kirche der Union eingeführt wurde und auch für die lutherische evangelische Kirche augsburgischen Bekenntnisses in Österreich Geltung hat, wird als ein „maßgebliches Kriterium“ für das Verständnis und die Gestaltung der Gottesdienste die Tatsache genannt, dass die „Christenheit bleibend mit dem erstberufenen Gottesvolk Israel verbunden ist.“
Weil die Liturgie des Karfreitags aufgrund der blutigen Ausschreitungen gegen Juden und Jüdinnen in früheren Jahrhunderten so belastet ist, werde ich zunächst das Formular dieses Tages besprechen. Außerdem ist für viele evangelische Christen und Christinnen Karfreitag fast der Höhepunkt des ganzen liturgischen Jahres. Die „Anrede“ und das Tagesgebet thematisieren die Bedeutung des Leidens Christi für die Gemeinde und die Welt. Psalm 51 betont meine Schuld sowie die Tatsache, dass ich Vergebung brauche. Im Psalm 22 begegnet die Gemeinde der Erfahrung der Gottesverlassenheit sowie der Hoffnung auf Rettung durch Gott. Die Motive der Lesungen sind der leidende Gottesknecht (Jesaja), die Versöhnung durch und mit Gott in Christus (2 Korinther) und die Passion Christi nach dem Johannesevangelium. Eine dramaturgische Rollenverteilung ist nicht vorgesehen. Die Karfreitagsfürbitten thematisieren Menschen, die sich opfern, sowie die vielen Opfer von Gewalt, inklusive Tiere. Statt Fürbitten kann auch eine Karfreitags-Litanei vorgetragen werden. Darin geht es unter anderem um die Bitterkeit des Todes, Christi Gehorsam bis zum Tod sowie um die Befreiung von Hass, Selbstsucht, Stolz und Verzweiflung. Es wird ebenfalls um die Nachfolge Jesu, um Hilfe und Stärkung gebetet. Das abschließende Gebet betont die Sammlung und Einswerdung aller Menschen bzw. Trost und Glaubensstärkung. Es gibt in diesem Gottesdienst weder antijüdische Elemente noch Fürbitten für die Juden.

Die spezielle Beziehung zwischen Juden und Christen wird in einigen anderen Sondergottesdiensten zum Hauptthema gemacht. Zunächst betrifft es den 10. Sonntag nach Trinitatis, den Israelsonntag. Ich beschränke mich hier auf wenige Bemerkungen. Die drei Möglichkeiten für das Tagesgebet betonen die Erwählung Israels und den ewigen Bund zwischen Gott und Israel. Einige später speziell für Kinder geschriebene Tagesgebete nennen nicht nur die jüdische Herkunft Jesu, sondern bitten auch um Vergebung für alles, was „wir dir und deinem Volk an Bösem zugefügt haben“ und bitten um „friedvolle Begegnungen von Juden und Christen“. Die meisten der neun Lesungen und Predigttexte, die für den Israelsonntag als Wahlmöglichkeiten angeboten werden, handeln von der überragenden heilsgeschichtlichen Bedeutung des Volkes Israel. Einige haben jedoch die Zerstörung der Stadt Jerusalem und die Tempelreinigung oder die Kritik am Tempelkult und die Verstoßungsdrohung zum Inhalt. Die Frage ist berechtigt, ob die beiden letztgenannten Lesungen an diesem Tag angemessen und ob andere Lesungen nicht passender sind.
Weiterhin gibt es ein Formular mit dem Titel „Christen und Juden“. Dieses Formular kann auch am Israelsonntag verwendet werden. Die Lesungen bzw. Predigttexte handeln vom neuen Bund (Jeremia), vom Zweig des wilden Ölbaumes im edlen Ölbaum (Römerbrief) sowie von der wahren Anbetung und dem Heil, das aus den Juden kommt (Johannes). Im Schuldbekenntnis erkennt die christliche Gemeinde ihre Schuld gegenüber den Juden. Das Tagesgebet spricht von Gottes Gnade und Treue. Die liturgische Farbe dieses Gottesdienstes ist violett, Zeichen der Buße, während die Farbe des gewöhnlichen Israelsonntages grün – die Farbe „für die übrige Zeit des Jahres“ – ist.

Im Jahr 2002 erschienenen „Ergänzungsband zum Evangelischen Gottesdienstbuch“ wird darauf Rücksicht genommen, dass das „Holocaust-Gedenken“ auch gottesdienstlich begangen werden kann bzw. muss. Dazu gibt es fünf Formulare. Das erste ist eine „christliche Gedenkfeier“. Bußgeläut von Glocken, die Verlesung langer Schriftabschnitte, die sich auf den Bundesschluss mit dem Volk Israel am Sinai einschließlich des Dekaloges beziehen, lange Schweigephasen, das Vorantragen von Kerzen und die Verlesung der Namen der ermordeten jüdischen Einwohner des Ortes, wo der Gottesdienst stattfindet, das Vortragen relevanter literarischer Texte und Musik sind konstitutive Bestandteile dieses Formulars. Das zweite Formular betont Buße (z.B. durch die Lesung von Psalm 51 und die Verlesung des „Stuttgarter Schuldbekenntnisses“) und sieht auch die Möglichkeit vor, dass jüdische Teilnehmer Gebete aus ihrer Tradition sprechen.
Das dritte ist für eine Gedenkfeier in einem öffentlichen Raum oder Platz angedacht und ist teilweise dem Schoa-Gedenktag in Israel und dem Gedenktag am 4. Mai in den Niederlanden, wenn dort der Kriegstoten gedacht wird, entnommen. Nach Musik und der Begrüßung ertönen die Sirenen bzw. läuten die Glocken und stehen alle Menschen, Autos usw. still und schweigen. Dann wird Psalm 51 gebetet und es erklingt nochmals Musik. Der Ort für die vierte Gedenkfeier ist der Bahnhof (Judentransporte!). Liturgisch bezeichnend ist hier unter anderem, dass die Bitte im Vater Unser „…und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben…“ minutenlang wiederholt wird. Das fünfte Formular ist ein spezieller agendarischer Gemeindegottesdienst. Die Psalmen und übrigen Lesungen bzw. Predigttexte thematisieren – stärker noch als das Formular des Israelsonntages – die einzigartige Bedeutung des Volkes Israels. Die liturgische Farbe ist die violette Bußfarbe.Übrigens soll man bedenken, dass die evangelischen Gottesdienstbücher nicht so exklusiv verpflichtend als die römischen Bücher es für den katholischen Klerus sind. Viele evangelische Pfarrer und Pfarrerinnen formulieren selbst die Gebete, suchen selber Lesungen aus usw.

In mehreren evangelischen und katholischen Pfarrgemeinden Deutschlands werden auch Gedenkgottesdienste am 9. November – der 9. November 1938 war die „Reichskristallnacht“ – sowie am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, gehalten. Die christliche Gemeinde erinnert sich – vor dem Antlitz Gottes – der Unheilsgeschichte der Schoa. Sie liest aus der Schrift, im Besonderen aus dem Psalterium, klagt, will nicht vergessen, hofft auf Vergebung und glaubt an ihre Heimat bei Gott. Es gibt auch gemeinsame jüdisch-christliche Schoa-Gedenkgottesdienste, wobei jede der beiden Religionsgemeinden in Anwesenheit der anderen betet. Weiterhin werden, unabhängig vom Gedenken der Ermordung des europäischen Judentums während des Zweiten Weltkrieges, am „Tag des Judentums“ (17. Jänner, am Vorabend der ökumenischen Weltgebetsoktave für die Wiedervereinigung der Christen) vielerorts ökumenische Gottesdienste gefeiert, in denen die jüdische Tradition im Mittelpunkt steht bzw. stehen sollte. Bei den deutschen Katholikentagen sowie bei einigen evangelischen Kirchentagen werden respektive wurden gemeinsame jüdisch-christliche Gottesdienste gefeiert. Zudem gibt es manchmal jüdisch-christliche Sondergottesdienste um Frieden und Gerechtigkeit.

Ich kann es nicht unterlassen, kurz auf eine freie, aktualisierende und meines Erachtens inspirierende Version der „Gottesklage“, also der Improperien, in den liturgischen Gesängen des neuen Gottesdienstbuches der niederländischen protestantischen Kirche hinzuweisen. Hier erwähnen Gott und Jesus auf poetische Weise das Gute, das sie auf Erden getan haben und klagen die Menschheit bzw. die Gemeinde an mit Fragen und Bemerkungen, wie z.B. „Aber ihr schmiedet Waffen und denkt an den Tod.“ Die Gemeinde bekennt ihre Schuld und bittet – wiederum mit poetischen Bildern – um Wiederherstellung ihrer Beziehung mit Gott. Hier ist im Besonderen die letzte, neunte Strophe wichtig, in der es sich um die Ausrottung des jüdischen Volkes handelt. Der Chor singt: „Augapfel Israel, unter den Völkern ausgelöscht, kostbarstes Pfand meines Herzens. Wo sind die Kinder, wo sind die Älteren, Davids Sterne, die in Finsternis erloschen? So tötete die Welt mich  nochmals.“ Alle antworten: „Israel, Gottesvolk, nimm uns auf, Davidsstadt.“ Jesus Christus identifiziert sich mit seinem Volk und klagt – ausgerechnet am Karfreitag, dem für Juden und Jüdinnen einst lebensgefährlichen Tag – die mörderische Welt an. Die christliche Gemeinde kann nur noch das Gottesvolk par excellence um An- und Aufnahme bitten.

Es fällt auf, dass – trotz der weiter existierenden Unterschiede – die erneuerten liturgischen Ordnungen der hier besprochenen evangelischen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche erheblich ähnlicher geworden sind. Ein Musterbeispiel ist gerade die erneuerte Fürbitte für die Juden am Karfreitag. Als Ergebnis der interkonfessionellen liturgiehistorischen Erforschung sowie der weltweiten Ökumenischen Bewegung ist hier mehr Konvergenz, ja sogar ein gewisser Konsens entstanden. Bezüglich der orthodoxen Kirche ist das Thema des liturgischen Antijudaismus meines Erachtens dringend, weil in den offiziellen Karwochetexten noch sehr harte Aussagen über das jüdische Volk vorkommen. Wie gesagt, kann ich dieses Thema hier jedoch nicht weiter verfolgen.

4. SCHLUSS

In fast allen Religionen nimmt das rituell-liturgische Benehmen einen zentralen Platz ein. Religionswissenschaftlich ist es nicht außergewöhnlich, dass die römisch-katholische Kirche während des Zweiten Vatikanischen Konzils darlegte, die Liturgie sei „der Höhepunkt und die Quelle“ des ganzen christlichen Lebens. Auch die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands und die dortige Evangelische Kirche der Union stellen in ihrer neuen Agende fest, dass der Gottesdienst „das Herzstück des christlichen Gemeindelebens“ ist. Des Weiteren stellt für die orthodoxe Kirche die Liturgie die absolute Mitte ihres Gemeindelebens da. Gerade weil der Gottesdienst so wichtig war und in unserer modernen westeuropäischen Gesellschaft teilweise noch immer ist, und weil er nicht nur intellektuell ist und viel mehr Menschen „erreicht“ als die akademische Theologie, haben die antijüdischen – teilweise auch antisemitischen – Aussagen in der Liturgie eine verheerende Wirkung in Bezug auf die real existierenden Juden und Jüdinnen gehabt und die Schoa mit vorbereitet. Wenn Christen und Christinnen Generationen hindurch, jahrhundertlang, solche Aussagen im Gottesdienst hören, dann bildet und beeinflusst dies ihre Anschauungen. Gerade aufgrund der Bedeutung der Liturgie für so viele christlich getaufte Menschen, sollte die zentrale Stellung Israels, des Judentums, in ihr sichtbar, hörbar, erfahrbar gemacht werden und so kann sie zu einem positiven christlichen Bild des Judentums beitragen (obwohl die Liturgie natürlich nicht nur eine didaktische Funktion hat). Es müsste mindestens in der christlichen Liturgie klar werden, dass sie die jüdische nicht aufhebt, sondern den jüdischen Geist des Vertrauens zum Namen Gottes, zu Seiner Anwesenheit bestätigt. Tatsächlich, Jesus schaffte die Trennung zwischen ritueller Reinheit und Unreinheit ab, er vergeistigte den Tempelkult und er war davon überzeugt, dass in ihm das Reich Gottes gekommen war. Er machte den „Alten Bund“ jedoch nicht überflüssig, sondern lebte aus dem Geist der Tora und interpretierte sie prophetisch. Gott handelte in Jesus Christus ohne die jüdische Tradition „auszuschalten“.
Es gibt in allen christlichen Kirchen gewiss noch viele Desiderata. Ein relevantes Arbeitsfeld betrifft beispielsweise die darstellende Kunst. Zwar scheinen die schroffe Gegenüberstellung der gedemütigten Synagoge und der triumphierenden Ecclesia, geschweige denn die verletzende Darstellung der „Judensau“, Bilder der Vergangenheit zu sein, aber es bleibt eine wichtige Aufgabe zu einer religiösen darstellenden Kunst zu gelangen, in der die Ereignisse des Tenach und die jüdische Tradition didaktisch gut, schön und begeisternd vorkommen.
Im Vergleich zur Situation vor einem halben Jahrhundert wird nun – besonders in den hier besprochenen Westkirchen – der positiven Einzigartigkeit der via judaica stärker Rechnung getragen. Nicht mehr die Abgrenzung vom Judentum, sondern seine Bestätigung ist ein Leitfaden in der Liturgiereform geworden.

Eine breitere Frage, die den Rahmen der Liturgie übersteigt, hier nicht behandelt werden kann und trotzdem für den Gottesdienst relevant ist, betrifft die Polemik im Neuen Testament gegen die Juden, die Jesus von Nazareth als den Messias ablehnen. Wie oben gesehen, begegnen wir dieser Polemik in den Lesungen während des Gottesdienstes, unter anderem bei der Verlesung der Johannespassion am Karfreitag. Es wäre wichtig, antijüdischen Deutungen bei den am Gottesdienst Teilnehmenden zuvorzukommen, vor allem durch angemessene Kommentare und Hinweise vor oder nach der Verlesung. An pfarrgemeindlichen Katecheseabenden sollten einschlägige Fragen untersucht werden, wie z.B. die Frage, ob es sich im Johannesevangelium (dort, wo es um die Ioudaioi als Gegner Jesu, die jüdischen Behörden, geht) noch um eine intern-jüdische Debatte oder schon um eine Frühphase des christlichen Antijudaismus handelt.
Was die Frage des neutestamentlichen „Antijudaismus“ betrifft, befinden wir uns auf „Glatteis“, denn es müsste einen hermeneutischen Schlüssel geben, um die divergierenden Auffassungen im Neuen Testament selber über den Teil des Judentums, der Jesus als Messias ablehnte, zu sichten. Es scheint mir, dass zum Beispiel die positiven Aussagen von Paulus im Römerbrief über das Judentum (Röm 9-11) wichtiger sind als die antijüdische Polemik in der Apostelgeschichte, weil die letztere mehr situationsbedingt ist und die erstere grundlegender und der gesamtbiblischen Sicht des ewigen, unwiderruflichen Bundes Gottes mit Seinem Volk mehr entspricht. Die prophetische Vision von Gerechtigkeit und Frieden für alle (beispielsweise im Buch Jesaja) sprengt die Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit, ihres Geschlechtes usw.

Es ist noch viel Arbeit zu leisten, nicht nur in wissenschaftlicher Hinsicht, sondern auch was die Vermittlung der gewonnenen Einsichten an die „Basis“ betrifft. Obwohl es einige „kritische Gemeinden“ gibt, in denen das jüdische Erbe im Gottesdienst und Lehrhaus forciert wird, muss in den meisten Pfarrgemeinden noch ein erhebliches Maß an Bildungsarbeit stattfinden. Besonders der Predigt kommt hier eine wichtige Aufgabe zu. Viele Christen und Christinnen, einschließlich Pfarrer(innen) und Theolog(inn)en, sind noch immer der Ansicht, die christliche Kirche sei „das wahre Israel“ und der „Alte Bund“ sei durch den Neuen, exklusiv im Christentum anzutreffenden Bund ersetzt worden. Sie glauben, das Judentum spielte vor der Geburt Christi eine wichtige Rolle in der Heilsgeschichte, nachher jedoch nicht mehr. Auch wenn das Judentum sicher Existenzrecht hat, ist ihrer Meinung nach die jüdische Religion für die christliche irrelevant.
Bildungsarbeit ist also langwierig. Antijüdische Traditionen vieler Jahrhunderte können kaum in nur wenigen Jahrzehnten abgebaut werden. Es wird gewiss einen Großteil des 21. Jahrhunderts benötigen, um die Einsicht der Kontinuität der Gottesoffenbarung in der ganzen Schrift, sowie die Erkenntnis, dass das „Christentum“ ein wilder, dem edlen jüdischen Ölbaum eingepfropfter Zweig ist, in der Liturgie usw. zu verarbeiten.

Die Liturgie soll die Begegnung der Gemeinde mit dem lebendigen Gott, der sowohl als ganz nah als auch als sehr fern erfahren werden kann, ermöglichen. Sie soll die Vision von der Befreiung durch Gott aus dem Sklavenhaus, aus Armut und Hunger vermitteln, die utopische Perspektive von Freiheit, Essen und Unterkunft für alle, Leben in Frieden und Gesundheit, Erbarmen und Versöhnung, einer neuen Welt und einer ständigen Aktualisierung des Gottesbundes. In dieser Utopie von Schalom spielt die jüdische Religion mit ihrer Exodus-Erfahrung und ihrer prophetisch kritischen Vision eine unentbehrliche, zentrale Rolle. Zudem kann sie die christliche Liturgie bereichern mit ihrer eigenen Gebetssprache und Symbolik der Gotteserfahrung. Eine vergleichende jüdisch-christliche Liturgiewissenschaft ist ein Gebot der Stunde.

Der Autor ist Professor am Institut für Liturgiewissenschaft, Christliche Kunst und Hymnologie der Universität Graz.
Eine ausführliche Version dieses Textes mit Anmerkungen ist publiziert worden als:
Groen, Bert, Antijudaismus in der christlichen Liturgie und Versuche seiner Überwindung, in: Kügler, Joachim (Hg.), Prekäre Zeitgenossenschaft: Mit dem Alten Testament in Konflikten der Zeit – Internationales Bibel-Symposium Graz 2004, Münster 2006 (= bayreuther forum Transit: Kulturwissenschaftliche Religionsstudien, 6), 247-278.

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