DAS JUDENTUM IN DER CHRISTLICHEN BILDWELT

Graz. Vom 29. April bis zum 1. Mai 2012 fand im Bildungshaus Graz-Mariatrost eine Tagung des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit statt, die in Kooperation mit dem Christlich-jüdischen Komitee Graz, dem Centrum für Jüdische Studien und der Theologischen Fakultät Graz realisiert werden konnte. Das Tagungsthema war erstmals in Österreich der Kombination von Kunst und Judentum gewidmet und lautete „Das Judentum in der christlichen Bildwelt“. Graz bot sich als
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Tagungsort an, weil der Universität Forschung zu diesem Themenkomplex betrieben wird und weil es in der Stadt selbst und im Umland konkretes Anschauungsmaterial in einer Konzentration gibt, wie sie sonst in Österreich nicht zu finden ist.
Professor Kurt Schubert, der Gründer des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, kannte natürlich die Bildtradition der Ecclesia und Synagoge. Er und seine Frau Ursula Schubert hielten auch Vorträge zu diesem Thema. Aber das Judentum in der christlichen Bildkunst war für ihn nie ein religionspädagogisches Thema. Das, obwohl ihm die Vermittlung der neuern Einsichten der Kirchen über das Judentum in Katechese und Religionsunterricht stets ein besonderes Anliegen waren.
EINE FRUCHT KONTINULIERLICHER ARBEIT
1997 hat das Grazer Komitee für christlich-jüdische Zusammenarbeit die Ausstellung „Ecclesia und Synagoga“ hier im Rathaus anlässlich der Zweiten Europäischen ökumenischen Versammlung erstmals in Österreich präsentiert. Jochum ist Religionspädagoge, er stellte die Ausstellung also nicht allein in der Absicht zusammen, die Geschichte zu dokumentieren. Er hatte und hat das Interesse, unsere heutige Praxis zu befragen.
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Die Ausstellung war seither im Jüdischen Museum Hohenems und im Ursulinenhof Linz zu Gast. Auf Initiative des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit war „Ecclesia und Synagoga“ dann vor zehn Jahren, im April und Mai 2002, im Dom- und Diözesanmuseum Wien zu sehen. Anlässlich dieser Ausstellung in Wien haben Bernhard Schuh und Markus Himmelbauer seine Anregungen aufgegriffen und eine erste Bestandsaufnahme der Bilder, sowohl der Ecclesia und Synagoga als auch anderer Darstellungen des Judentums in den Kirchen unseres Landes vorgenommen und publiziert. Markus Himmelbauer hat das Interesse am Thema und das Jagdfieber, immer neue Bilder zu finden, seither nicht losgelassen.
Nachdem in den letzten beiden Jahren die Ausstellung "Ecclesia und Synagoga" im Garten der Religionen im Stift Altenburg zu sehen war, ergänzt mit einem Themenweg „Aufbruch zueinander: Christen und Juden – Wandlung einer Beziehung“ war mittlerweile der Bewusstseinsgrad für diese Fragestellung so weit gewachsen, endlich dazu eine Tagung in Österreich auszurichten. Sie alle sind heute und die nächsten beiden Tage hierher gekommen, das zu vertiefen und zu diskutieren. Ein Beweis, wie richtig die Entscheidung dazu war. Und eine Frucht auch der kontinuierlichen Arbeit des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit auf diesem Feld.
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SEHEN UND VERSTEHEN
Im Vergleich zu allen Bildwerken in unseren Kirchen sind es eigentlich wenige Darstellungen, um die sich diese Tagung dreht. Und diese sind oft auch nicht auf den ersten Blick erkennbar. Auch würden viele Betrachterinnen und Betrachter heute das Thema des Bildes nicht mehr entschlüsseln können, weil das theologische Wissen dazu fehlt. Haben diese überhaupt noch einen schlechten Einfluss auf unsere Glaubenspraxis? Holen wir mit dieser Tagung nicht ein Thema aus der Mottenkiste, das eigentlich schon vorbei ist? Ein Thema, bei dem es gut ist, dass es kaum bekannt ist, Zeugnis einer dunklen Epoche der Kirchengeschichte, die gottseidank und hoffentlich überwunden ist?
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- Wenn die Bilder heute auch bisweilen nicht mehr bewusst wahrgenommen werden, so sind sie doch gegenwärtig in unseren Räumen. Ihre Problematik ist vorhanden und gibt unserem Beten und Feiern einen bestimmten Rahmen. Wollen wir das so?
- Erst wenn wir diese unsägliche Tradition wahrnehmen und sich mit ihr auseinandersetzen, können wir daraus lernen. Wir können erst auf der Grundlage dieser Tradition unseren heutigen Weg verstehen und Schritte der Verkündigung setzen, die der heutigen kirchlichen Haltung gegenüber dem Judentum und den jüdischen Gemeinden entsprechen.
- Die erneuerte Beziehung zum Judentum ist eine zentrale Frage der christlichen Identität. Bei Fragen der Identität ist es nie gut, wenn man sich irgendwie durchwurstelt. Es ist notwendig, sich hier bewusst Rechenschaft zu geben über die Veränderung innerhalb der letzten Generation. So gilt es, eben auch ins Abststellkammerl zu blicken und zu entschlüsseln versuchen, was dort alles gelagert ist. Einfach wegräumen oder übermalen ist keine Lösung. Das sind wir uns, aber auch der Aufrichtigkeit den jüdischen Gemeinden gegenüber schuldig. Es sind sie, die hier abgewertet, gering geschätzt und verachtet festgehalten sind – in beiden Bedeutungen dieses Wortes.
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GLAUBEN LERNEN DURCH BILDER
Der pädagogische Zugang bleibt heute aktuell wie im Mittelalter: Glauben lernen durch Bilder. Welche Bilder können die heutige Haltung der Kirchen zum christlich-jüdischen Verhältnis ausdrücken? Das ist die inhaltliche Frage. Und die formale: Welche Bilder zum christlich-jüdischen Verhältnis werden heute verstanden? Wo und wie erhalten die Menschen die Bildung, eine religiöse Bilderwelt zu entschlüsseln?
Diese Konferenz ist Frucht einer langen und konsequenten Bildungsarbeit für die bei diesem Thema besonders das Grazer Lokalkomitee stehen und natürlich Markus Himmelbauer. Sie ist aber zugleich auch ein Anfang, durch diese öffentliche Präsentation und Diskussion die Beschäftigung mit dem Thema auf eine neue Ebene zu heben.
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PRÄSENTATIONEN, EXKURSIONEN UND DISKUSSION
Ergänzend zu den Fachvorträgen aus der Perspektive der jüdischen, orthodoxen und katholischen Theologie, der Zeitgeschichte, der zeitgenössischen Kunstgeschichte sowie der Mediävistik, wurden Exkursionen in Kirchen und Kapellen in die Grazer Innenstadt und die nähere Umgebung angeboten. Das Programm begann mit einer Exkursion ins Zentrum von Graz (Burghof, Stadtpfarrkirche, Magdalena-Kapelle, St. Lukas Kirche). Am ersten Abend präsentierte Johannes Rauchenberger unterschiedliche künstlerische Zugänge zum Judentum im christlichen Kontext.
Am Vormittag des zweiten Tages hielten Wiltraud Resch, Markus Himmelbauer, Ioan Moga und Heimo Halbrainer ihre Vorträge und boten Einblick in die Bildwelt der westlichen Kirchen, der christlichen Orthodoxie und des säkularen Gedenkens an die Schoa.
Die Exkursion am Nachmittag führte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Darstellungen des Judentums vom 14. bis ins 20. Jahrhundert nach Voitsberg, Bärnbach, Judendorf-Strassengel und ins Stift Rein.
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te Vormittag war wieder für Vorträge vorgesehen: Annette Weber zeigte eine Fallstudie christlich-jüdischer Referenz in der Kunst aus dem Mittelalter; Johannes Schiller und Peter Ebenbauer präsentierten die aktuelle theologische und künstlerische Annäherung der Kirchen an das Judentum bevor die Veranstaltung mit einer Abschlussdiskussion unter reger Anteilnahme der Hörerinnen und Hörer endete.
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Danke jenen Institutionen, die durch ihre Subvention diese Tagung ermöglicht haben: Das Land Steiermark, die Stadt Graz, das Wissenschaftsministerium, der Otto Mauer-Fonds und die katholische und evangelische Kirche in der Steiermark.
Daphne Maria Gerzabek, Martin Jäggle
Den ausführlichen Tagungsbericht finden Sie in Dialog - DuSiach 89/ Oktober 2012

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