Gedanken für den Tag von Martin Jäggle

Montag, 4.11.
Nachdenkliche Erinnerung
Als ich vor dreißig Jahren in den Fernsehnachrichten vom Fall der Berliner Mauer erfuhr, habe ich damals vor Freude geweint, fassungslos geweint. So überwältigt hat mich das, was ich da sah. Diese Nacht war eine Freudennacht – nicht nur für die Menschen in Berlin – auch für mich in Wien und für viele in anderen Ländern. Mit dem Fall der Berliner Mauer ohne Blutvergießen wurde eine unglaubliche, aber so erhoffte Möglichkeit plötzlich Wirklichkeit. Nicht nur die Mauern von Jericho, von denen die Bibel erzählt, können fallen.
Die Berliner Mauer kann aber heute noch daran erinnern, was Mauern mit und aus Menschen machen, um wieviel schwerer es wohl ist, Mauern in den Köpfen zu Fall zu bringen.
Dreißig Jahre danach ist die Erinnerung an den Fall der Berliner Mauer bei mir nicht mehr mit Freudentränen, jedoch mit großer Dankbarkeit verbunden. Und etwas ist hinzu gekommen, was am Tag ihres Falles ganz ausgeblendet blieb: Die Erinnerung an jene, die in den achtundzwanzig Jahren des Bestehens der Mauer diese nicht akzeptiert haben, sondern sie zu überwinden suchten, und dabei ermordet wurden. Die Erinnerung an sie bleibt untrennbar verbunden mit der Erinnerung an den Fall der Mauer. Der Fall der Berliner Mauer ist aber auch das Symbol der sogenannten Wende. In dieser Zeit spielt der Roman „Liquidation“ des ungarische Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész, der in dieser Woche 90 Jahre alt geworden wäre. Er charakterisiert die Wende „in der verstörenden, plötzlichen Freiheit, in der die Vergangenheit liquidiert, die Biografien geändert werden. Nichts ist mehr gültig, es gibt keine erzählbare Geschichte mehr.“ Der Roman erzählt „von diesem Bruch, den man im ehemaligen Ostblock als tiefes Trauma erlebt“, „wie man sich mit der eigenen Vergangenheit, nolens volens, auseinander setzen muss“.
Die Erinnerung an den Fall der Berliner Mauer führte mich zu nachdenklicher Dankbarkeit.

Dienstag 5.11.
Die Pflicht des Erinnerns
Diese Woche steht im Zeichen des Erinnerns: Vor 30 Jahren der Fall der Berliner Mauer, vor 81 Jahren die November-Pogrome. Religionen sind gewissermaßen Spezialisten der Erinnerung, ihre Feste sind Hoch-Zeiten des Erinnerns. Vergangenes wird im festlichen Erinnern gegenwärtig und verbindet alle Feiernden. So wird ein kollektives Gedächtnis gestärkt, wie dies etwa besonders im Judentum der Fall ist. Die große Bedeutung von Erinnern und Gedenken wird schon daran erkennbar, dass das hebräische Verb für erinnern, „zachar“, 169 mal in der in der hebräischen Bibel, christlich Altes Testament genannt, vorkommt. Dieses Erinnern steht gegen Vergessen.
Im Pessach-Fest erinnert das jüdische Volk dankbar an den Exodus, an das Geschenk der Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens, so dass alle, die mitfeiern, aus Ägypten ausgezogen sind. Es ist ein Fest voll Freude und Dankbarkeit, frei von jeder Nostalgie und Romantik. Bemerkenswert ist dabei, wenn der zehn Plagen gedacht wird. Die zehn Plagen zwangen gemäß der biblischen Erzählung mit Erfolg die Ägypter, die Israeliten ziehen zu lassen. Deshalb verringern Juden ihre Freude bei der Pessach-Feier, indem sie bei der Nennung jeder Plage einen Tropfen Wein versprengen. Diese Anerkennung des Leids der Ägypter erinnert sie zugleich daran, dass Freiheit niemals auf Kosten anderer geschehen darf.
Die religiöse Pflicht der Erinnerung an die geschenkte Freiheit hat auch praktische Konsequenzen. Wiederholt erinnert die Bibel an die Erfahrung, Fremde und Sklaven in Ägypten gewesen zu sein. So heißt es im Buch Exodus: „Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen.“ (Ex 23,9) Und im Buch Levitikus wird gefordert: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen.“ (Lev 19,33-34 i.A.)

Mittwoch, 6.11.
Erinnern ist ein Recht
Zu Beginn des Shoa-Gedenkens stand viel Betroffenheit über die große Zahl. Wenn jemand von der Shoa sprach, von den sechs Millionen Toten, hieß es: „Wie fürchterlich!“ und „Nie wieder!“ All die pathetischen Formeln und politischen Floskeln blieben letztlich Geräuschkulissen, denn ermordet wurden nicht Zahlen, sondern Menschen. Das Benennen von Zahlen ist weder Erinnern noch Gedenken, sich aber mit konkreten Menschen und ihrem Leben auseinanderzusetzen, das schafft eine Grundlage, die man sich anschauen kann, sich vorstellen kann. Diese Konkretheit des Lebens, des Mordens, des Vertreibens ist nur möglich zu erinnern, wenn junge und alte Menschen sich auf Spurensuche nach den einzelnen Opfern begeben. So bekommen die, die ermordet wurden, wieder ihren Namen. Aus den Gedenkpraktiken von Schulen weiß ich, welche Bedeutung es übrigens haben kann, wenn deren Nachkommen und Angehörigen sehen: Hier werden ihre ermordeten Vorfahren gewürdigt, wieder hereingeholt und sichtbar gemacht. Das kann ein Anfang von Versöhnung sein, auch wenn damit keine Vertreibung und kein Mord ungeschehen gemacht werden.
Bei allen Menschenrechten sind in der westlichen Tradition die Toten irgendwie ausgeklammert, aber in der jüdischen Tradition haben Tote Rechte. Ihnen gehört zum Beispiel das Grab. Und die Toten haben nach jüdischer Tradition auch das Recht auf Erinnerung. Dementsprechend gibt es spät, aber doch zahlreiche Bemühungen, die Namen der Opfer öffentlich sichtbar und wahrnehmbar zu machen. Im Grunde genommen respektieren alle diese Formen des Erinnerns von Menschen, das Sprechen ihres Namens, deren Recht auf Erinnerung. Daher geht es im Erinnern nicht um die Frage des gefühlsmäßigen Bewegt seins, sondern darum, Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen.

Donnerstag, 7.11.
Als nichts zu sehen war, mir aber die Augen aufgingen.
Ich bin in Wien im Schatten des Stephansdom und im Lichte der Synagoge aufgewachsen. Der Stephansdom war meine Pfarrkirche und vom Küchenfenster der elterlichen Wohnung hatten wir einen Blick auf den Stadttempel. Wenn dort Licht brannte, wussten wir, dass im Stadttempel gebetet und gefeiert wurde. Gesprochen wurde damals darüber nicht. Es war ein Nebeneinander leben, von Begegnungen unterbrochen.
Jahrzehnte später besuchten die eigenen Kinder ein Gymnasium im 2. Wiener Gemeindebezirk. Dieses forschte im Jahre 1988 nach den jüdischen Schülerinnen und Schülern, die 1938 die Schule verlassen mussten. Die Bevölkerung des "Mazzesinsel" genannten 2. Bezirks war 1938 zur Hälfte jüdisch und wurde danach fast vollständig vertrieben und viele ermordet. Zur Unterstützung dieses Projektes organisierte ich eine Führung durch die „Mazzesinsel“. Die Fremdenführerin hatte eine Foto-Mappe, um uns mit deren Hilfe eine Vorstellung zu vermitteln von den Synagogen und jüdischen Einrichtungen. Damals, 50 Jahre danach, erinnerte fast nichts mehr an die Zeit bis 1938. So war nicht nur die jüdische Bevölkerung ausgelöscht, sondern auch die jüdische Geschichte des Bezirks. "Als nichts zu sehen war, mir aber die Augen aufgingen" nannte ich meinen Bericht über diese Führung. Warum war es so wichtig und in der Bevölkerung so akzeptiert, ein halbes Jahrhundert jede öffentliche Erinnerung an die „Mazzesinsel“ zu verhindern?
Schon damals wollten zu viele Schluss machen mit dem ewigen Gedenken an längst Vergangenes, aber wer die Erinnerung verweigert oder die damalige Zeit gar verklärt, wird auch die Menschenrechte schwächen, deren „Nichtanerkennung und Verachtung … zu Akten der Barbarei geführt haben, die das Gewissen der Menschheit mit Empörung erfüllen“, wie es in der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt.


Freitag, 8.11.
Um Erinnern ringen
Das Besondere von Spuren ist, dass sie auf etwas verweisen, das nicht mehr ist. Spuren von Menschen gibt es nur dort, wo jemand da war und nicht mehr da ist. So sind Spuren die Anwesenheit der Abwesenheit. Die Spuren zu suchen und zu sichern, macht Abwesende, jene die eigentlich da wären oder da sein müssten, wieder anwesend. Daher ist es so wichtig, jeder und jedem Einzelnen in seiner Lebensgeschichte nachzugehen.
Immer wieder taucht die Frage auf: Wann ist denn endlich Schluss? Warum könnt ihr die Vergangenheit nicht auf sich beruhen lassen? Und wenn wirklich einmal Schluss wäre mit all dem Erinnern an die Opfer und Gedenken der Opfer, was wäre dann? Wie ist dann Menschsein noch möglich, wenn Schluss ist mit Erinnern und Gedenken? Wäre das nicht ein Verzicht auf jede Humanität? Und wie schließt man denn so etwas überhaupt ab? Und wann ist es denn überhaupt genug? Vom Versuch, das Erinnern zu verweigern, war auch die Sprache bestimmt. Menschen sind, so hieß es üblicherweise, im Konzentrationslager gestorben. Jetzt ist sehr klar die Rede davon, dass sie im Konzentrationslager ermordet wurden. Was war das für ein langer Weg von dem harmlosen „gestorben“, von einer Sprache, die das Ungeheuerliche verschleierte, zu dem klaren, den Sachverhalt benennenden „ermordet“. Es hat zu lange gedauert bis eine Sprache akzeptiert ist, die Tacheles redet. Wer den Ungeist nicht fortschreiben will, muss so klar reden.
Ich kann „Nie wieder!“ nicht mehr hören. Die Praxis gibt nach Wittgenstein den Worten ihre Bedeutung. Wer also „Nie wieder!“ sagt, hat ohne entsprechende Praxis eigentlich sinnlos gesprochen.
Ein Gedenken hat nur dann Zukunft, wenn die Jüngeren einbezogen sind, wenn es für sie relevant wird und zwar nicht als moralische Keule, sondern auch aus ihrem Rechtsdenken heraus: Toten zu ihrem Recht zu verhelfen.
In welcher Gesellschaft wachsen junge Menschen auf? In einer Gesellschaft der Vernunft des Gedenkens, in der die Solidarität des Gedenkens gelebt wird? Die Alternative zu einer anamnetischen Gesellschaft wäre eine Gesellschaft der Amnesie. Von Alzheimer kann jede Gesellschaft befallen werden.


Samstag, 9.11.
Imre Kertész zum 90. Geburtstag
„Seit Auschwitz ist nichts geschehen, was Auschwitz aufgehoben, was Auschwitz widerlegt hätte. Der Holocaust konnte in meinem Werk niemals in der Vergangenheitsform erscheinen.“ bemerkt der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész in seiner Rede bei der Preisverleihung im Jahre 2002. „Ich habe im Holocaust“, so fährt er fort, „die Situation des Menschen erkannt, die Endstation des großen Abenteuers, an der der europäische Mensch nach zweitausend Jahren ethischer und moralischer Kultur angekommen ist.“ Nach Kertész „bleibt uns jetzt zu überlegen, wie wir von hieraus weiterfinden.“ Denn das Problem Auschwitz besteht für ihn „nicht darin, … ob wir es im Gedächtnis bewahren sollten oder in der entsprechenden Schublade der Geschichte versenken... Das wirkliche Problem Auschwitz besteht darin, dass es geschehen ist und dass wir an dieser Tatsache mit dem besten, aber auch mit dem schlechtesten Willen nichts ändern können.“
Was der 15-jährige Kertész in den Konzentrationslagern Auschwitz und Buchenwald erfahren und erlitten hat, machte derShoa-Überlebende zur Grundlage seines Werkes. „Auch wenn ich von etwas ganz anderem spreche, spreche ich von Auschwitz. Ich bin ein Medium des Geistes von Auschwitz“ heißt es in seinem Roman „Fiasko“.
Kertész wurde für sein Werk ausgezeichnet, „das die zerbrechliche Erfahrung des Einzelnen gegenüber der barbarischen Willkür der Geschichte behauptet“.
Er, der nie ein Kind wollte, um ihm sein eigenes Schicksal zu ersparen, schreibt in seinem Roman „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“:
„Wenn ich schreibe, erinnere ich mich, muss ich mich erinnern, auch wenn ich nicht weiß, warum ich mich erinnern muss, es hängt offensichtlich mit dem Wissen zusammen, Erinnerung ist Wissen, wir leben, um uns an dieses unser Wissen zu erinnern, weil wir nicht vergessen können, was wir wissen.“
Heute am 9. November wäre Imre Kertész 90 Jahre alt geworden.



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