Stellungnahme des Vorstandes zu den antisemitischen Vorfällen in Graz

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag wird die Synagoge in Graz beschmiert, in der Nacht von Freitag auf Samstag werden ihre Fenster beschädigt, am Abend des Samstag wird Elie Rosen, der Repräsentant der jüdische Gemeinschaft in Graz, attackiert.
Das erste Mal in der Geschichte der Zweiten Republik wurde ein hochrangiger Funktionär der Israelitischen Kultusgemeinde körperlich attackiert. Es sollte ein Warnzeichen sein.
Wir sind über diese Entwicklung sehr betroffen und empört. Unser Mitgefühl und unsere Solidarität gilt der jüdischen Gemeinschaft in Graz und besonders Elie Rosen.
Zu oft werden Beschädigungen jüdischer Einrichtungen unter Sachschäden bagatellisiert, sie sind aber Aggressionen auf jüdisches Leben, das gedemütigt, herabgewürdigt und möglichst klein gehalten, gestört und zerstört werden soll. Die Ereignisse in Graz führen dies erschreckend vor Augen.
Die öffentlichen Stellungnahmen aus Politik, Kirchen und Religionsgemeinschaften sind höchst erfreulich auch in ihrer Verurteilung des Antisemitismus. Doch dringend erforderlich sind Schritte, wie sie das aktuelle Regierungsprogramm „Verantwortung für Österreich“ vorsieht, das erstmals den Kampf gegen Antisemitismus als politische Querschnittmaterie etabliert hat. Leider fehlt bisher dafür ein konsistentes Durchführungskonzept.
Es braucht aber auch eine tiefgreifende und wahrscheinlich schmerzliche Auseinandersetzung mit den geschichtlichen (Ab)Gründen von Familien und Gesellschaft, die Antisemitismus gedeihen ließen und lassen.
Dass am selben Tag die Errichtung der „Marko-Feingold-Gastprofessur zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung und Ursachenforschung von Antisemitismus“ an der Universität Salzburg bekannt gegeben worden ist, zeigt, dass der Handlungsbedarf auf vielen Ebenen erkannt worden ist.
Ein beeindruckendes und ermutigendes Zeichen setzten jene Menschen in Graz, die im strömenden Regen am Samstagabend vor der Synagoge Wache standen. Wir danken Ihnen ganz besonders, fragen aber, warum die Polizei nicht schon davor präsenter war?
Österreich braucht noch mehr Anstrengungen, ein aktiv offenes und einander wertschätzendes Zusammenleben zu gestalten und den Polarisierungen eine Absage zu erteilen.
Jüdisches Leben ist ein unverzichtbarer Teil von Österreich. Dass es nach der Shoa wieder aufgeblüht ist, macht uns dankbar und verantwortlich, alles zu tun, damit jüdische Bürgerinnen und Bürger nicht nur in Sicherheit, sondern auch in Würde und Wertschätzung leben können.
Dafür setzt sich der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit seit über 60 Jahren ein.

Im Namen des Vorstandes
Univ.Prof. i. R. Dr. Martin Jäggle
Präsident

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