Jesus verstehen heißt das Judentum verstehen

Im Jahr 2021 veröffentlichte die Deutsche Bibelgesellschaft die Bibelausgabe »Das Neue Testament – jüdisch erklärt«. Das ist die deutsche Übersetzung von »The Jewish Annotated New Testament, 2d edition (Oxford University Press, 2017)«, die ich gemeinsam mit Marc Zvi Brettler herausgegeben habe. Jüdinnen und Juden haben für die englische Ausgabe Anmerkungen und Essays zu den neutestamentlichen Texten und deren Welt und Umwelt geschrieben. Wir konnten dies nur tun, weil es von christlicher Seite so wohlwollend aufgenommen wurde.
Wichtigste Grundlage für unsere Arbeit waren dabei christliche Dokumente zur jüdisch-christlichen Verständigung: Die Zehn Seelisberger Thesen von 1947, das Konzilsdokument Nostra Aetate von 1965 bis hin zu den zahlreichen Erklärungen kirchlicher Gremien, die Röm 11,29 in Bezug auf das jüdische Volk bekräftigen: »Die Gaben und die Berufung Gottes sind unwiderruflich.« Inzwischen erkennen kirchliche Organisationen und christliche Einzelpersonen zunehmend an, dass Jesus und Paulus aus ihrem jüdischen Kontext heraus und nicht gegen ihn gesprochen haben. In christlichen Kreisen wird diskutiert, dass bestimmte Lesarten des Neuen Testaments zu Judenhass geführt haben. Und es werden Schritte unternommen, um den negativen Eindruck zu korrigieren, den bestimmte Texte des Neuen Testaments hinterlassen können. Hätten die Christen nicht so viel Entgegenkommen gezeigt, ich wäre nie eine Wissenschaftlerin für das Neue Testament geworden.

Biographische Notizen

Ich wuchs in einer überwiegend römisch-katholischen Nachbarschaft in Massachusetts, USA, auf und fand schon damals die Traditionen meiner Freundinnen und Freunde faszinierend: Heilige und Sakramente, Weihnachten und Ostern, Priester und Nonnen. Als ich sieben Jahre alt war, wurde mein Interesse am Christentum konkreter. In diesem Jahr sagte ein Mädchen aus meiner zweiten Klasse zu mir: »Du hast unseren Herrn getötet«. »Das habe ich nicht«, antwortete ich. »Ich habe niemanden umgebracht.« »Doch, das hast du«, beharrte das Mädchen. »Unser Priester hat es gesagt.«

Dieser Vorfall sollte meine erste Lektion in jüdisch-christlichen Beziehungen sein. Ich wusste, dass Priester spezielle Kragen trugen, und ich dachte, sie würden diese tragen, damit sie keine Lügen erzählen können. Würden sie lügen, würden die Kragen sie erdrosseln. (Ich meine bis heute, das wäre eine gute Idee …). Deshalb fragte ich zurück, »Ist der Priester tot?« »Nein«, antwortete sie. Als kluges junges Mädchen stellte ich dazu folgende Schlussfolgerung an: Der Priester sagte, ich habe Gott getötet, der Kragen hat den Priester nicht getötet, also muss ich Gott getötet haben.

Als ich von der Schule zurückkam, fragte mich meine Mutter, warum ich weinte. »Ich habe Gott getötet«, erklärte ich. »Der Priester hat gesagt, ich hätte Gott getötet.« Meine Mutter versicherte mir, dass der Priester einen Fehler gemacht hatte. Einige Jahre später wurde mit Nostra Aetate ein Großteil dieser hasserfüllten Lehren in der römisch-katholischen Kirche abgeschafft.

Ich selbst kam zu dem Schluss, dass dem Priester ein Übersetzungsfehler unterlaufen war. Ich beschloss, die christliche Bibel zu lesen (niemand hatte mir gesagt, dass sie auf Griechisch geschrieben war), das Übersetzungsproblem zu lösen und den Antisemitismus zu beenden. Um diesen Prozess zu erleichtern, kündigte ich meinen Eltern an, den Katechismusunterricht, den katholischen Religionsunterricht, besuchen zu wollen. Meine sehr weise Mutter sagte: »Solange du nicht vergisst, wer du bist, geh hin und lerne. Es ist gut, etwas über die Religion der anderen zu wissen.«

Jüdische Lese-Erfahrungen mit dem Neuen Testament

Die katholischen Lehrer mochten mich – wahrscheinlich, weil ich die einzige Siebenjährige war, die freiwillig am Unterricht teilnehmen wollte. Ich hörte sie nie etwas Antijüdisches sagen. Im Gegenteil, wenn ich eine Geschichte aus dem Evangelium hörte, dachte ich: »Das klingt wie eine Geschichte, die ich in der Synagoge gelernt habe«:

– In Joh 4 trifft Jesus eine Frau an einem Brunnen, und sie sprechen über die Ehe. Ich fühlte mich an Abrahams Knecht und Rebekka (Gen 24), an Mose und Zippora (Ex 2) und vor allem an Jakob und Rahel (Gen 29) erinnert, denn Joh 4 spielt ja an Jakobs Brunnen.

– Jesus stellt auf wundersame Weise Nahrung her, heilt Leidende und erweckt Tote. Er erinnerte mich an die Propheten Elija und Elischa sowie an rabbinische Wundertäter wie Haninah ben Dosa und Honi, den Kreiszieher.

– Jesus wird gerettet, als die Soldaten von König Herodes die Kinder in Betlehem töten. Ich fühlte mich an Mose erinnert, der gerettet wird, als der Pharao befiehlt, alle von hebräischen Frauen geborenen Jungen zu ertränken. Es überraschte mich nicht, dass das Jesuskind nach Ägypten reist und wieder auszieht, ins Wasser geht (Taufe), in der Wüste in Versuchung gerät, auf einen Berg steigt und ein Gesetz verkündet (die Bergpredigt), denn das Muster wurde in Schemot, dem Buch Exodus, festgelegt.

– In Mt 23 beschwert sich Jesus über die Pharisäer, unter anderem darüber, dass sie die besten Plätze in der Synagoge bevorzugen. In meiner Synagoge hatte eine bestimmte Familie immer die besten Plätze, und meine Mutter beschwerte sich. Jesus, der Jude, der andere Juden kritisiert, klang nicht nur wie die Propheten Amos und Hosea – er klang auch wie meine Mutter.

Antijudaismus durch mangelnde Bildung

Einige Jahre später las ich das ganze Neue Testament und fand schnell die Probleme. In Mt 27,25 ruft »das ganze Volk«: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!« So wurden alle Juden für den Tod von Jesus verantwortlich gemacht. In Joh 8,44 nennt Jesus die »Juden« (griechisch Ioudaioi) »Kinder des Teufels«. Zweimal haben mich ältere Christen in den USA gefragt, wann ich mir die Hörner entfernen ließ. Sie hatten Joh 8 gelesen, Michelangelos Statue des gehörnten Moses gesehen und daraus geschlossen, dass Juden Hörner haben.

In Apg 3,15 beschuldigt Petrus die »Israeliten« – also die Juden –, »den Urheber des Lebens getötet« zu haben, und in späteren Kapiteln versuchen »die Juden«, Paulus zu töten. In 1 Thess 2,14b–16 wird darauf hingewiesen, dass die »Juden den Herrn Jesus getötet haben«, und in Offb 2,9 und 3,9 ist von einer »Synagoge des Satans« die Rede. Wenn man das Neue Testament liest, kann man leicht zu dem Schluss kommen, dass die Juden betrügerisch, gefährlich und verdammt sind.

Bei der Lektüre des Neuen Testaments wurden mir jedoch auch zwei andere Dinge klar, die meine Studien dann geleitet haben. Erstens: Wir entscheiden, wie wir lesen. Wir können uns dafür entscheiden, die Bibel so zu lesen, dass sie Liebe und Mitgefühl fördert, nicht Bigotterie und Hass.

Zweitens: Das Neue Testament ist jüdische Geschichte! Jesus ist die erste Person in der Literatur, die »Rabbi« genannt wird. Und der einzige Pharisäer, von dem wir erhaltene Quellen haben, ist Paulus von Tarsus. Die Evangelien geben uns einige der frühesten Beispiele für die Namensgebung eines Kindes bei einer Beschneidung und für die Zuschreibung von Psalmen ohne Überschrift an König David. Darüber hinaus sind die Lehren Jesu über das Himmelreich, über Gerechtigkeit, über Gottes- und Nächstenliebe durch und durch jüdisch.

Doch die Probleme bleiben bestehen. Für viele historisch uninformierte Christen dient der jüdische Kontext Jesu als Inbegriff dessen, was in der Welt falsch läuft. Wenn Jesus den Armen eine gute Nachricht verkündet, so der allgemeine Eindruck, müssen die Juden, die »geldgierig« sind (Lk 16,14), den Reichen eine gute Nachricht verkünden. Wenn Jesus zu Frauen spricht oder sie heilt, fördern »die Juden« eine patriarchalische Gesellschaft, die die Taliban fortschrittlich erscheinen lässt.

Korrekturen

Warum sollten wir, sowohl Juden als auch Christen, Jesus in seinem jüdischen Kontext betrachten? Abgesehen davon, dass wir damit die gemeinsame Geschichte aufarbeiten und verstehen, wie es zur Trennung kam, korrigiert die Beschäftigung mit der Geschichte die antijüdischen Stereotypen, die in der christlichen Lehre und Predigt immer noch auftauchen.

Um zum Beispiel die Vorstellungen zu korrigieren, dass Juden die Befolgung der Tora (des mosaischen Gesetzes) als lästig empfanden und dass Jesus kam, um die Tora durch Gnade zu ersetzen, stellen wir stattdessen fest, dass das Gesetz nicht lästig war und dass Jesus die Gebote verschärft. Jesus sagt: »Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, um aufzulösen, sondern um zu erfüllen« (Mt 5,17). »Erfüllen« bedeutet nicht »beenden«. Es bedeutet, dass Jesus seinen Jüngern zeigt, wie sie seiner Meinung nach die Gebote am besten befolgen können. Er tut dann das, was das rabbinische Judentum »einen Zaun um das Gesetz bauen« nennt (Pirke Avot 1.1), das heißt, neue Regeln erlassen, um sicherzustellen, dass die ursprünglichen treu befolgt werden. Indem er das Gebot »Du sollst nicht morden« erweitert, verbietet Jesus, »einem Bruder oder einer Schwester zu zürnen« (Mt 5,21–22). In Erweiterung des Gebots gegen Ehebruch verbietet Jesus die Lust (Mt 5,27–28).

Was die Reinheitsgebote betrifft, so hebt Jesus sie nicht auf, sondern stellt im Gegenteil die Reinheit wieder her, indem er sie in Bezug auf die Menstruation, die Geburt und den Umgang mit Leichen wiederherstellt. Er »trocknet« (so Mk 5,29) die blutende Frau buchstäblich aus. Er reinigt Menschen, die an Aussatz leiden, und er erweckt Tote zum Leben.

Jesus signalisiert seine Hingabe an die Tora durch das Tragen von Schaufäden, Fransen an seinem Gewand (hebräisch: Zizit), die nach Num 15,38 an die Gebote erinnern. Es sind seine Fransen, die die Frau mit den Blutungen berührt, in der Hoffnung auf Heilung (Mt 9,20). Wenn Jesus sich darüber beschwert, dass die Pharisäer breite Fransen tragen (Mt 23,5), können wir daraus schließen, dass seine Zizit weniger auffällig waren.

In den Evangelien wird geschildert, wie Jesus am Sabbat in den Synagogen Menschen heilt. War das Heilen verboten? Keineswegs, und deshalb preisen die Gemeinden in der Regel Gott, wenn Jesus diese Heilungen vornimmt. Wir lernen aus diesen Szenen auch, dass kostenlose Gesundheitsversorgung ein Wunder ist.

Warum halten sich Christen nicht an die Gebote bezüglich Beschneidung, Ernährung, Reinheit der Familie usw.? Im messianischen Zeitalter, das nach Paulus mit dem Tod und der Auferstehung Jesu begonnen hatte, sollten sich die Nichtjuden von der Anbetung ihrer Götter abwenden und den Gott Israels anbeten. Aber nach Paulus, dem »Apostel der Heiden«, sollten diese Heiden nicht zum Judentum konvertieren, denn dann würden nur Juden Gott anbeten. Für Paulus blieben zwar Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden bestehen, aber in den Gemeinden sind alle gleich. Doch als sich die Kirche zunehmend von ihren jüdischen Ursprüngen löste, wurden diese jüdischen Praktiken zunächst an den Rand gedrängt und später als ketzerisch erklärt.

Wenn wir lernen und lehren, wie Jesus als Jude lebte und starb, können wir seine Lehren besser verstehen und bessere jüdisch-christliche Beziehungen fördern: Christen werden die Tiefe des Lebens Jesu in seinem jüdischen Kontext schätzen lernen, und Juden werden, so hoffe ich, Jesus als einen jüdischen Mitbürger erkennen. Die theologischen Unterschiede zwischen Juden und Christen werden erst mit dem Kommen des Messias (oder, wenn Sie es vorziehen, mit seiner Rückkehr) überwunden werden. Bis dahin tun wir gut daran, sowohl mehr von unserer eigenen Tradition als auch von der Tradition unserer Nachbarn zu lernen.

QUELLE: Obiger Artikel stammt aus:

Bibel und Kirche - die Zeitschrift zur Bibel in Forschung und Praxis

Der jüdische Jesus (BiKi 4/2022)

Herausgegeben von den Katholischen Bibelwerken
in Deutschland, Österreich und der Schweiz
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Editorische Anmerkungen
Prof. Dr. AMY-JILL LEVINE ist Rabbi Stanley M. Kessler Distinguished Professor für Neues Testament und Jüdische Studien an der Hartford International Universität für Religion and Friedensforschung (Connecticut USA), Universitätsprofessorin für Neues Testament und Jüdische Studien, Emerita und Mary Jane Werthan Professorin für Jüdische Studien Emerita, Vanderbilt University (Tennessee USA). Sie ist Mitherausgeberin des Jewish Annotated New Testament (2017; Das Neue Testament – jüdisch erklärt, Stuttgart 2021). Sie ist die erste Trägerin des Seelisberg-Preises für jüdisch-christliche Beziehungen, der vom Internationalen Rat der Christen und Juden und dem Institut für Interkulturelle Theologie und Religionswissenschaft der Universität Salzburg verliehen wird.

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