Brief von Kardinal Schönborn an die jüdischen Gemeinden in Österreich zur 350 Jahre wiener Gezera

Ein trauriges und beschämendes Datum veranlasst mich, Ihnen zu
schreiben. Am 26. Juli 1670, also vor genau 350 Jahre, mussten auf
Befehl von Kaiser Leopold I. alle Juden Wien verlassen haben.
Antijüdische Randale besonders der Wiener Studentenschaft, die Agitation
von Geistlichen und von Bischof Leopold Karl von Kollonitsch,
Unglücksfälle, für die ungerechterweise Juden verantwortlich gemacht
wurden, die judenfeindliche Einstellung der Frau von Kaiser Leopold I.,
Margarita Teresa, wie auch die eines großen Teils der Wiener Katholiken
und letztlich die Entscheidung einer kaiserlichen Kommission führten zu
den Ausweisungsdekreten des Kaisers. An der Stelle der großen Synagoge
des Ghettos im Unteren Werd wurde die Leopoldskirche im heutigen 2.
Bezirk, der Leopoldstadt, errichtet. Ein sehr kleiner Trost mag der
Gedanke sein, dass in den düsteren Jahren des NS-Terrors von 1938-1945
der damalige Seelsorger von St. Leopold, Pfarrer Alexander Poch, ständig
bemüht war, jüdischen Menschen zu helfen und deshalb im Visier der
Gestapo war.

Diese 2. Wiener Gesera genannte Vertreibung der Wiener Judenschaft und
die Zerstörung der jüdischen Gemeinde 1670 waren eine Katastrophe für
die jüdische Bevölkerung und ein schmerzlicher Verlust für Wien. Die
damaligen antijüdischen Wahnvorstellungen, wonach die Juden Feinde der
Christenheit sind, deren heilige Schriften verhöhnen, die Brunnen
vergiften, Hostien schänden, christliche Kinder stehlen etc., spielten
bei den Wiener Vorgängen des späten 17. Jahrhunderts eine zentrale
Rolle.

Die Ereignisse vor 350 Jahren können wir nicht ungeschehen machen, aber
wir können sie zum Anlass nehmen, unsere Freude und Dankbarkeit darüber
auszudrücken, dass es nach der Katastrophe der Shoah wieder jüdische
Gemeinden und ein vielfältiges jüdisches Leben in Wien gibt. Dies ist
ein Geschenk für Wien und auch für die katholische Kirche. Die
katholische Kirche in Österreich hat sich mit allen anderen
Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ)
die europäische „Charta Oecumenica“ von 2001 zu eigen gemacht, in der
sich die Kirchen verpflichten, „allen Formen von Antisemitismus und
Antijudaismus in Kirche und Gesellschaft entgegenzutreten; auf allen
Ebenen den Dialog mit unseren jüdischen Geschwistern zu suchen und zu
intensivieren.“

Ich habe die katholischen Pfarren in Wien gebeten, als Dank für die
Präsenz jüdischer Gemeinden in Wien in den Sonntagsgottesdiensten am
26.7.2020 für diese zu beten:

„Den Juden wurde eine Frist bis 26. Juli 1670 gesetzt, um ihre Häuser zu
räumen und Wien zu verlassen. Heute, nach 350 Jahren blüht in dieser
Stadt wieder jüdisches Leben auf. Wir bitten Dich, Allmächtiger, Gütiger
Herr: Segne die Jüdinnen und Juden dieser Stadt und ihre Gemeinden, gib
ihnen Bestand und Wachstum in Frieden.“


https://kurier.at/politik/inland/wien-gebet-fuer-juedische-gemeinden-in-den-sonntagsmessen/400978442

https://www.glonaabot.at/einschlagige-artikel/wien-gebet-fur-judische-gemeinden-in-den-sonntagsmessen

https://www.kathpress.at/goto/meldung/1914751/wien-gebet-fuer-juedische-gemeinden-in-den-sonntagsmessen

https://www.erzdioezese-wien.at/site/home/nachrichten/article/85301.html

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