Martin Jäggle: Bibelessay Jesaja 49,3-6 für Ö1 Lebenskunst 19.1.2020

Meine Volksschulzeit habe ich zum größten Teil bei einem Bauern in Oberösterreich, dem Edtbauern, verbracht. So hat sich für mich als Kind der Stadt eine ganz andere Welt erschlossen. Ich habe mir völlig neue Wirklichkeiten kennen gelernt. So hat der Nachbarbauer, der Ortner, einen Knecht gehabt, den Much. Der ist mit der Familie nicht verwandt gewesen, hat aber zum Hof gehört. Dort ist er in Dienst gewesen - sein Leben lang. Ohne Much war der Ortner für mich nicht vorstellbar.
Wenn ich später in der Kirche das Wort „Knecht“ gehört habe, oder gar vom „Knecht Gottes“, hatte ich stets diesen Much vor Augen. Ein Mensch mit Würde – ein Leben lang im Dienst. Die andernorts vielfache Ausbeutung von Knechten war mir damals fremd.
Heute ist das Wort Knecht ein Wort aus einer vergangenen Zeit. Heute will niemand Knecht sein und schon gar nicht ein „Knecht Gottes“. Dafür ist Knecht mit „geknechtet sein“ zu eng verbunden. Aber das war für mich der Much eben nicht.
So habe ich mit dem Bild vom Much auch die Worte zu Beginn der Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja verstanden: „Du bist mein Knecht.“ Es geht hier um Beziehung und Dienst. Bestätigt bin ich viel später geworden durch die „Bibel in gerechter Sprache“. Die übersetzt nämlich diese Stelle mit: „Du stehst in meinem Dienst!“
So sind für mich in jungen Jahren „Du bist mein Knecht“ ermutigende Worte gewesen. Ich habe mich angesprochen gewusst, beansprucht, in Dienst genommen „für das Heil der Welt“, wie es am Ende des Textes von heute heißt. Und für mich ist Gott jene Macht, die die Rettung aller Menschen will, die für die ganze Welt eine gute Zukunft verheißt. Worte wie die von Jesaja haben die je persönliche, ganz verschiedene Berufung gestärkt, auch meine. Natürlich habe ich mich nicht als moderner Prophet Jesaja von heute verstanden.
Erst viel später in meinem Leben bin ich aufmerksam geworden, von wem hier konkret die Rede ist: „Du bist mein Knecht, Israel“. Danach hat es lange gedauert, bis ich begonnen habe, die Folgen zu verstehen, Israel auszublenden oder einfach zu überlesen. Die Worte des Propheten Jesaja sind nun einmal an das Volk Israel gerichtet, wollen es ermutigen und die Berufung des Volkes Israel in Erinnerung rufen: „Ich mache dich zum Licht der Völker.“ Schon bei der Berufung Abrahams heißt es: „Ein Segen sollst du sein. (…) Durch dich sollen alle Sippen der Erde Segen erlangen.“
Die Verheißungen des Propheten Jesaja an das historische Volk Israel gelten für Jüdinnen und Juden heute noch. Jesaja wird sogar als zweiter Prophet nach Mose angesehen. Angesichts dessen bedeutet, den Bezug zum biblischen Israel ganz auszublenden, die jüdische Wirklichkeit heute für bedeutungslos zu erklären. Das historische Volk Israel bzw. das Judentum wird enteignet, indem der Text des Propheten ohne Israel angeeignet wird. In der christlichen Lesart wird mit Hilfe der Worte des Propheten Jesaja Jesus als der „Knecht Gottes“ verstanden. Das ist legitim, soweit mit Jesus nicht Israel ersetzt wird.
„Du bist mein Knecht, Israel.“ Seitdem ich darauf aufmerksam geworden bin, kann ich den bleibenden, Jahrtausende alten Bund Gottes mit seinem Volk Israel, dessen Kind Jesus ist, besser würdigen. Und es ist in mir eine große Dankbarkeit gewachsen für alles, was das Christentum, die Kirche, ja die ganze Menschheit dem Volk der Bibel verdankt. Heute ist es besonders das Buch des Propheten Jesaja, das wie kein anderes im Neuen Testament zu Wort kommt. Ich finde, es ist ein Buch voll Hoffnung und Verheißung für alle.

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