ICCJ KONFERENZ 2012

Manchester. Die Jahreskonferenz 2012 der Internationalren Rats der Christen und Juden fand vom 1. bis 4. Juli 2012 in Manchester/ England statt. Das Thema: Neue Nachbarn, neue Möglichkeiten. Die Herausforderungen von Multikulturalität und sozialer Verantwortung (New Neighbours, New Opportunities. The Challenges of Multiculturalism and Social Responsibility).
Dieses Jahr gab es ein Jubiläum zu feiern, denn vor 70 Jahren gründete eine kleine Gruppe von Christinnen, Christen und Jüdinnen, Juden in Manchester das britische Council for Christians and Jews (CCJ). Bei einem Galadinner, das in der Knight’s Lounge des Fußballklubs Manchester United stattfand, konnten zwei der Gründungsmitglieder des CCJ begrüßt und für ihre damalige Pionierarbeit, die sie mitten im Krieg begannen, geehrt werden: Myra Cohen (101 Jahre) und Barbara Aubrey ( 97 Jahre).

GELEBTE MULTIKULTURALITÄT
Die 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 22 Nationen hätten für das Thema kaum eine geeignetere Umgebung finden können. Manchester ist mit seinen rund 480.000 Einwohnerinnen und Einwohnern und mit 2,6 Millionen Menschen in der Großregion ein Beispiel für Multikulturalität und Diversität. Davon konnten wir uns auch bei den Exkursionen überzeugen, die wir in das jüdische Manchester, das industrielle, das Manchester mit seinen Kathedralen und der Schule für Musik, sowie das moderne Manchester in der Media City mit den BBC-Studios unternahmen. Im Laufe der Jahrhunderte hat Manchester Immigrantinnen und Immigranten aus der ganzen Welt aufgenommen. Über 100 Sprachen werden gesprochen und Menschen aus mehr als 100 Glaubensgemeinschaften und ethnischen Gruppen haben hier ihre Heimat gefunden.
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Diese Vielfalt im Leben der Stadt zeigte sich auch beim Empfang im Rathaus. Die Präsidentin des ICCJ, Deborah Weissman, ging in ihrer Begrüßung auf das Thema der Konferenz mit einem Midrasch von Chiddushei HaRim ein: Warum ist der Storch kein koscheres Tier? Antwort: Er teilt sein Futter zwar mit anderen Störchen, aber nur mit ihnen. Weissman folgert daraus, dass es unsere Aufgabe sei, sich anders als die Störche zu verhalten, nämlich wie Menschen, die Mitgefühl und Interesse gleichermaßen für Mitglieder anderer Gemeinschaften zeigten.
SALATSCHÜSSEL STATT SCHMELZTIEGEL
Die Auseinandersetzung mit dem Thema Multikulturalität stand im Zentrum der gesamten Tagung. Der erste Vortragende Clive Lawton, Gründungsmitglied der britisch-jüdischen Bildungsorganisation Limmud, stellte die Frage, ob Mulitikulturalismus Aufgabe des christlich-jüdischen Dialogs sei. Er verwies auf Prinz Charles’ Statement, der seine Rolle in der Zukunft lieber als „Defender of Faith, not of the Faith“ verstehen würde (lieber als Verteidiger "des Glaubens" als ein Verteidiger "des einen Glaubens"). Im Unterschied zu den eher in den USA, Israel und Australien dominierenden Vorstellungen des melting pot (Schmelztiegels), in der Assimilation und Integration von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Werte zu einer gemeinsamen nationalen Kultur eine wichtige Rolle spielen, bleibt im Modell der sog. Salad bowls (Salatschüssel) jede Gruppe in ihrer Unterschiedlichkeit und Eigenart sichtbar unterschieden von anderen. Dieses Patchwork-Modell unterschiedlicher Kulturen verlangt nach Lawton als Minimum im Verhalten der Menschen: Toleranz, gegenseitigen Respekt, Interesse mit Engagement und Enthusiasmus, Verständnis, ein Absehen von Generalisierungen und sich Einlassen auf andere. Immer bleibt die Frage, die wir uns stellen müssen: Ist Religion Teil der Lösung oder ist Religion das Problem?
Die lutherische Pfarrerin Helene Egnell, Beraterin des Bischof der Diözese Stockholm im Zentrum für den interreligiösen Dialog, kritisierte in ihrer Antwort auf Clive Lawton ihr eigenes Land, das bisher seine Politik der Integration als Assimilation verstanden habe. Wenn Multikulturalität aber verstanden werde als eine Gesellschaft, in der verschiedene Kulturen Seite an Seite stehen, die Werte der anderen bekräftigen und unterstützen und ihnen erlauben sich zu entfalten, dann ist Multikulturalität noch gar nicht geboren. Für diese Art der Gesellschaft haben wir zu kämpfen, so die lutherische Pastorin.
ALLE BAUEN MIT AN EINER NEUEN NATION
John Denham, parlamentarischer Privatsekretär des Oppositionsführers (Labour) Ed Miliband, hat sich während seines gesamten politischen Lebens mit den Fragen der kulturellen und religiösen Identität beschäftigt. Nach Denham hat das Konzept von Integration folgende Schwierigkeiten: Es suggeriert, dass es eine etablierte Ordnung und Kultur gibt, die die neuen Gruppen zu akzeptieren hätten. Eine Schwäche dieses Modells sei es, dass der Beitrag von neuen Gemeinschaften, von denen alle profitieren könnten, keine Wertschätzung durch die Mehrheitsgesellschaft erfährt. Zweitens wird die Verpflichtung nur auf die Neugekommenen gelegt, nicht aber auf diejenigen, die bereits im Land sind. Und drittens kann man niemals die etablierte Ordnung genau bestimmen, weil sie sich immer wandelt. "Alle schreiben und bauen an der sich ständig verändernden Identität der Nation mit. Wir haben zu akzeptieren, dass es immer Migration gab und immer geben wird", so Denham. Er wünsche sich, dass die starke Diversität in den Ländern, wie z.B. England, sich nicht als Schwäche, sondern als Stärke herausstellen möge, so der Parlamentsabgeordnete.
Ed Kessler, Gründer und Direktor des renommierten Woolf-Institutes in Cambridge, das sich der Erforschung von Beziehungen zwischen Juden, Christen und Muslimen widmet, ging auf das Thema Identität ein. Probleme entstehen dort, wo die Identität so eng definiert wird, dass sie andere ausschließt. Wenn es z.B. heißt, britisch zu sein heißt anglikanisch zu sein, dann fühlen sich Katholikinnen und Katholiken, Muslime, Jüdinnen und Juden, Hindus und Sikhs ausgeschlossen. Dem kann nur durch Erziehung und in der persönlichen Begegnung entgegengewirkt werden. Dabei seien auch die Komplexität von Identitäten der Einzelnen und die Spannungen, die zwischen deren einzelnen Identitäten bestehen, anzuerkennen.
JÜDISCH-CHRISTLICHER DIALOG AUSSERHALB DER WESTLICHEN WELT
Der dritte Konferenztag war dem jüdisch-christlich Dialog außerhalb der westlichen Welt gewidmet. Kwok Pui-Lan, Professorin an der Episcopal Divinity School in Massachusetts, USA und aus Hongkong stammend, hob hervor, dass der bereits Jahrzehnte lang geführte Dialog zwischen Juden und Christen außerhalb Europas und den USA nicht vom sozialen und politischen Umfeld getrennt werden kann. Sie berichtete davon, dass in nicht-westlichen Ländern christliche Theologinnen ähnlich wie in Europa in die antijudaistische Falle geraten sind, als sie Jesus als einen Rabbi darstellten, der der Frauendiskriminierung zu seiner Zeit entgegenwirkte und ihn damit aus der jüdischen Tradition herauslösten und ihr entgegensetzten. Pui-Lan stellte einen Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Antisemitismus her. Dies seien nicht zwei verschiedene Phänomene, sondern Teil und Bürde der Ideologie der westlichen Fremdherrschaft. Eine These, die nicht auf allgemeine Zustimmung stieß.
Julia Neuberger, Rabbinerin der West London Synagogue, forderte, dass auch in den nicht westlichen Ländern, Muslime in den Dialog einbezogen werden müssten. Sie hob hervor, wie wichtig es ist, dass auf das Reden auch Taten folgten. Das, was die Welt ändert, sei die Tat, so die Rabbinerin. Als Beispiel nannte sie die Sterbebegleitung, was Juden von Christen lernen könnten. Im Umgang mit Trauer dagegen könnten Christen von Juden lernen. „Lasst uns die Früchte des Redens nutzen und uns etwas gemeinsam hervorbringen, das das Beste aus unseren Traditionen übernimmt“, so Neuberger.
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ARBEITSGRUPPEN
Außer den Vorträgen wurden an drei Tagen insgesamt 25 Workshops angeboten, die in fünf Themenbereiche untergliedert waren und von verschiedenen Institutionen vorbereitet wurden.
1. Multikulturalität, Vergangenheit und Gegenwart. (Parks Institute, University of Southampton)
2. Israel, Islam und interreligiöse Beziehungen (Woolf Institut, Cambridge)
3. Soziale Verantwortung (Universität Manchester)
4. Nicht-westliche Länder, internationale interreligiöse Entwicklungen (ICCJ)
5. Schnittstellen im Dialog: Lehren, Reflektionen und Prinzipien (CCJ in UK)
Meine Wahl fiel auf folgende Workshop-Themen: Juden, Multikulturalität und die muslimischen „Anderen“/ Islamophobie und religiöse Feindschaft in Britannien heute/ Die neue Sichtbarkeit der Religion / Neue wichtige Forschungen für den jüdisch-christlichen Dialog / Idee, Ideologie und Eigenart: Christlich- jüdischer Dialog an den Graswurzeln.
Wie immer waren neben dem reichhaltigen Programm die unzähligen Gespräche wichtig und bereichernd. Es war eine Freude, viele wiederzusehen, die ich von den vorherigen Konferenzen kannte. Zugleich war es interessant, neue Menschen kennenzulernen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.
Sabine Maurer ist Religionslehrerin in Deutschlandsberg und Vorsitzende des Grazer Komitees für christlich-jüdische Zusammenarbeit.
 

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