Gedenken an Wiener Gesera und Opfer des Ukraine-Krieges

Ermordung und Vertreibung der Juden im Herzogtum Österreich vor 600 Jahren zählt zu den dunkelsten Kapiteln der Geschichte Österreichs - Koordinierungsausschuss-Präsident Jäggle: "Das folgenreiche Zusammenspiel von Politik, Kirche und Theologie, das zur Wiener Gesera geführt hat, erleben wir jetzt im Krieg gegen die Ukraine wieder"

Dem Gedenken an die Wiener Gesera 1420/21 war am Donnerstagabend im Wiener Curhaus eine interreligiöse Veranstaltung gewidmet. Mit dem Gedenken werde nicht die Vergangenheit abgeschlossen, sondern diese vergegenwärtigt, um für die Zukunft eine bessere Praxis zu ermöglichen, so Prof. Martin Jäggle, Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, in seinen Ausführungen. Das folgenreiche Zusammenspiel von Politik, Kirche und Theologie, das zur Wiener Gesera geführt hat, "erleben wir jetzt im Krieg gegen die Ukraine wieder", so Jäggle. Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill und Präsident Putin spielten eine "Symphonie", die nicht nur für die Ukraine eine Katastrophe sei.

Die Wiener Gesera 1420/21 gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Geschichte Österreichs. Am 23. Mai 1420 gab Herzog Albrecht V. den Befehl, alle Juden im Herzogtum Österreich gefangenzunehmen. Das war der Startschuss für die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung von Wien und Niederösterreich zwischen Mai 1420 und dem 12. März 1421. Es kam zur völligen Auslöschung aller jüdischen Gemeinden und allen jüdischen Lebens im damaligen Österreich, durch Zwangstaufen, Vertreibungen, Plünderungen und Mord. Die "Wiener Gesera" fand am 12. März 1421 mit der Verbrennung der etwa 210 überlebenden Wiener Juden auf der Erdberger Gänseweide - damals noch vor den Toren und Mauern Wiens - ihren traurigen Höhepunkt. Über die Hintergründe des sogar für das Mittelalter extrem grausame Verbrechens sowie das Ausbleiben einer entsprechenden Gedächtniskultur referierte die Wiener Historikerin Martha Keil.

Prof. Jäggle mahnte in seinem Grußwort ebenfalls eine intensivere Gedenkkultur ein. Weder die Republik als Rechtsnachfolgerin des Herzogtums, noch die Stadt Wien hätten der 600 Jahre Wiener Gesera gedacht. Es sei dem Rektor der Wiener Universität, Heinz Engl und dem Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät, Johann Pock, zu verdanken, dass am 12. März 2021 gemeinsam mit der Wiener Kultusgemeinde erstmals eine Gedenkfeier bei der Mauer der ehemaligen Synagoge am Judenplatz stattfand.

Ein weiterer Lichtblick: 2015 hat die Stadtgemeinde Perchtoldsdorf im Zellpark eine künstlerisch gestaltete Gedenkstätte errichtet, die an die im Jahr 1421 ausgelöschte jüdische Gemeinde, an die von den Nazis vertriebenen und ermordeten jüdischen Bürgerinnen und Bürger sowie an jene Mutigen erinnert, die damals unter Lebensgefahr den Verfolgten Schutz gewährten.

Die Veranstaltung im Curhaus, ursprünglich als Einstimmung auf den "Tag des Judentums" (17. Jänner) geplant, war Corona-bedingt in den März verschoben worden. Die Eröffnung nahmen Elisabeth Lutter von der "Vernetzten Ökumene Wien" und der Vorsteher des dritten Bezirks, Erich Hohenberger, vor. Der Dritte Bezirk ist der Ort des grausamen Geschehens vor rund 600 Jahren. Der Historiker Pierre Genee berichtete über ehemalige Synagogen des Dritten Bezirks.

Grußworte kamen bei der Gedenkveranstaltung u.a. von Kultusgemeinde-Generalsekretär Benjamin Nägele und dem Wiener Bischofsvikar Dariusz Schutzki. Der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej (Cilerdzic) sprach Fürbitten.

Schutzki ging mahnend auf den wieder zunehmenden Antisemitismus in der Gesellschaft ein. Es dürfe nicht sein, "dass wir nicht viel aus der Geschichte gelernt haben und die Fehler ungeniert weiter an die neue Generation geben".

Quelle: Katholische Presseagentur KATHPRESS, Wien, Österreich
(www.kathpress.at)

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