Glauben lernen im Angesicht des Judentums

Zum Tag des Judentums, 17.01. 2022
Bischof Manfred Scheuer

Über die Begegnung von Christen mit Juden nachzudenken, geschieht nicht im luftleeren Raum und nicht geschichtslos. Das Christentum bedarf des Judentums, um sich selbst zu verstehen. Die Päpstliche Bibelkommission schreibt im Dokument „Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel“ (2001): „So ist das Christentum im Schoß des Judentums des ersten Jahrhunderts entstanden. Es hat sich dann zunehmend von ihm gelöst, doch kann die Kirche niemals ihre jüdischen Wurzeln vergessen, die so klar im Neuen Testament bezeugt sind; sie erkennt den Juden sogar einen Vorrang zu, denn das Evangelium ist ‚eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt, zuerst den Juden, und ebenso den Griechen‘ (Röm 1,16).“ Die Besinnung auf diese Wurzeln ist heilsnotwendig, ist eine Lebensfrage. Sicher ist diese Einsicht für viele erst nach der Shoa und nach dem Zweiten Vatikanum aktuell geworden. Andererseits ist für das Judentum das Christentum zur Wahrung seiner Identität nicht notwendig. Wir sind als Christen Erben einer langen Geschichte von Feindseligkeit und Hass, von Verachtung, von Vorurteilen und religiösem Zwang, von Streit und Verfolgung. Ignoranz und Unwissenheit, Herabsetzung und Misstrauen, Verdächtigungen und schließlich die Shoa gehören zu dieser Last der Geschichte. Wenn wir als Christen dem Judentum begegnen, dann nicht von der Warte des neugierigen Beobachters heraus, nicht aus der Perspektive des Kritikers oder des Richters, schon gar nicht in der Rolle des neutralen Zuschauers. Begegnung ist nicht ohne Scham und Reue, ist nicht ohne Umkehr und Buße möglich. Christen sind heute dankbar für das Glaubenszeugnis Israels und für die religiöse Praxis von Jüdinnen und Juden.
Heiligung des Namens

Glauben lernen im Angesicht des Judentums ist verbunden mit einer Reinigung unseres Gottesbewusstseins. „Das Neue Testament behauptet nie, Israel sei verworfen worden. Von Anfang an war die Kirche der Auffassung, die Juden blieben wichtige Zeugen der göttlichen Heilsordnung. Sie versteht ihre eigene Existenz als eine Teilhabe an der Erwählung Israels und an der Berufung, die in erster Linie diejenige Israels bleibt, selbst wenn nur ein kleiner Teil Israels sie angenommen hat.“
Die Heiligung des Namens ist zentral für den Glauben Israels. In der jüdischen Tradition gibt es „Kiddusch Ha Schem“, d.h. die Bereitschaft um Gottes wegen, um seines heiligen Namens willen, zu sterben. „Kiddusch Ha Schem“ ist Ausdruck der Größe des Menschseins, höchste Realisierung seiner transzendenten Ausrichtung. Die Heiligung des Namens verbietet jede Instrumentalisierung und Funktionalisierung Gottes, sie ist nicht vereinbar damit, wenn menschliche Bedürfnisse und Triebe zum Selbstzweck werden. Sicher: Bedürfnisse gehören zum Leben, sie sind aber ambivalent. Abraham Joschua Heschel, der jüdische Rabbiner und Religionsphilosoph (1907-1973), warnt vor der Gefahr, dass menschliche Bedürfnisse zu absoluten Zielen werden. Demgegenüber betont er, dass Bedürfnisse nicht gegen die Humanität und die Ausrichtung des Menschen auf Transzendenz wirken sollen. Nach Heschel sterben mehr Menschen an Bedürfnisepidemien als an Krankheitsepidemien.
Es widerspricht der Heiligkeit Gottes, wenn persönliche, wirtschaftliche oder politische Interessen verabsolutiert werden und nicht mehr differenziert wird zwischen der eigenen Überzeugung und der Absolutheit Gottes, zwischen dem „Ich“ mit seiner Freiheit und Gott, zwischen der Nation oder „Rasse“ und dem transzendenten Gott, zwischen der „Blase“ und dem Reich Gottes. Die Verweigerung und Verachtung des Denkens und der Differenzierung ist die Wurzel von vielen Vorurteilen, von Unrecht, von Verdrehung und Vergiftung. Konstitutiv für Ideologie in der negativen Prägung des Begriffes ist es, dass sie ein „besonderes Interesse als allgemeines“ darstellt. Hinzu kommt die Verschleierung des Sonderinteresses durch das Allgemeininteresse. Falsch ist das ideologische Bewusstsein, wenn ein Teilaspekt der Wirklichkeit zum Totalsystem, ein untergeordneter Wert illegitim zur Universalnorm verabsolutiert wird. Falsch ist das ideologische Bewusstsein, wenn die subjektive Notwendigkeit des Denkens mit der objektiven Wahrheit des Gedachten verwechselt wird. Verbunden mit dieser Suche nach eindeutigen Sicherheiten wird das Böse wird bei den anderen gesucht; eigene Anteile an Konflikten und Krisen werden nicht hinterfragt. Zudem gibt es eine Neigung, Probleme durch Eliminierung der anderen zu lösen.
Hannah Arendt spricht im Essay „Ideologie und Terror“ als Spezifikum totaler Herrschaft „die nahtlose Verfugung von Terror und Ideologie“ an, sodass es keinen Raum mehr für Freiheit, Individualität und Empathie geben kann. Hannah Arendt warnt vor einer juristisch-bürokratischen Fachsprache, weil sie Empathie und Humanität blockiere und verlässlich „die Realität nicht hineinlasse“. Eine idealistisch verstandene Autonomie kennt keine Empathie und auch keine Verwundbarkeit. Wenn Gleichheit und Symmetrie herrschen, steht das Fremde unter dem Vorzeichen der Negation. Die Wahrnehmung des Anderen geschieht unter der Perspektive der Verdächtigung, Anfeindung, Ablehnung, Verurteilung oder Unterwerfung. Die abstrakte Immunisierung des Subjektes von der geschichtlichen Realität und dabei von der Begegnung mit dem konkret Anderen landet in ideologischer Verblendung.
Der Name Gottes wurde geschändet durch die Ermordung von sechs Millionen Juden in der Shoah. Gegenwärtiger Antisemitismus in Europa und auch bei uns ist ein Anschlag auf die Heiligkeit des Ewigen. Biblisch gesprochen wird „Gottes Augapfel“ überall dort angetastet, wo sein auserwähltes Volk bedroht und verfolgt wird (vgl. Sach 2,12).

Dein Reich komme

Dein Reich komme, die zweite Bitte des „Vater unser“ ist der zentrale Inhalt der Verkündigung Jesu. Es ist eine jüdische Bitte. Jesus bittet darum, dass das Reich, dessen Anbruch er verkündet, sich vollends durchsetze. Gott und Gottes Reich sind nicht voneinander zu lösen. Ohne Wille zu Liebe und Gerechtigkeit ist es unmöglich, Gott zu begegnen.
Verbunden mit der Bitte „Dein Reich komme“ ist die Wahrnehmung der ungeschminkten und ungeschönten Wirklichkeit der Welt. Bei der Wahrnehmung der Wirklichkeit ist es gerade die Erfahrung des Leidens, der Trauer, der Tränen, der Aggressivität, der Verderbtheit, der Bosheit, der Gespaltenheit und des Widerspruchs. Voraussetzung ist also, dass wir den Schatten des Absurden, den Schmerz des Leidens an uns heranlassen und nicht harmonisierend zudecken. Der Glaube Israels verbindet beide Dimensionen: er lässt die ganze Wirklichkeit mit den Licht und Schattenseiten, das ganze Drama dieser Welt wahrnehmen und am Leiden der Welt mitleiden; und der Glaube Israels und der Glaube Jesu lässt Akt des Vertrauens, der Hoffnung und der Liebe vollziehen: der Glaube schaut auf Gott angesichts der Welt; die Hoffnung betet: dein Reich komme. „Dein Reich komme“: In dieser Bitte sind Gegenwart und Zukunft, Erfahrung der Not und Hoffnung auf Vollendung, Annahme des Geschenks und Bereitschaft zur Tat verbunden.
Für Christen ist der Zugang zum Judentum von Nutzen, um nicht im eigenen Glauben die eschatologische Dimension zu vergessen. Oder wie Prof. Schubert das ausdrücken würde: Die Worte „adveniat regnum tuum“, „Dein Reich komme“ sind eine jüdische Bitte, deren zukunftsbezogener Sinn Inhalt der Ökumene aus Christen und Juden ist.“ Das Dokument der Päpstliche Bibelkommission „Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel betont, dass die jüdische Messiaserwartung nicht vergeblich ist: „Sie kann für uns Christen zu einem starken Ansporn werden, die lebendige eschatologische Dimension unseres Glaubens aufrecht zu erhalten. Der Unterschied ist, dass für uns derjenige, der kommen soll, die Züge dieses Jesus trägt, der bereits gekommen ist und der schon unter uns gegenwärtig und wirksam ist.“
Bei allen bleibenden Differenzen sollten Juden und Katholiken sich gemeinsam für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen und den Antisemitismus bekämpfen. „Trotz der unüberbrückbaren theologischen Differenzen, betrachten wir Juden die Katholiken als unsere Partner, enge Verbündete und Brüder bei unserer gemeinsamen Suche nach einer besseren Welt, in der Friede, soziale Gerechtigkeit und Sicherheit herrschen mögen.“





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