Jesus begegnet seinem Volk Israel Fest „Darstellung des Herrn“ Mariendom Linz, 2. Februar 2025
03/03/25 Praxis
Fest der Begegnung
Das heutige Fest der „Darstellung des Herrn“ wurde vor der Liturgiereform 1960 als „Mariä Lichtmess“ begangen. In der Ostkirche wurde es „Fest der Begegnung“ genannt: Der Messias kommt in seinen Tempel und begegnet dem Gottesvolk Israel, vertreten durch Simeon und Hanna. Jesus begegnet zum ersten Mal seinem Volk: Jesus ist Jude. Das ist eine banale Selbstverständlichkeit, und wir wissen es längst - so scheint es. In der Tat, die Christen wissen seit den Tagen Jesu, dass er von Juden abstammte und selbst Jude war.
Das heutige Fest der „Darstellung des Herrn“ wurde vor der Liturgiereform 1960 als „Mariä Lichtmess“ begangen. In der Ostkirche wurde es „Fest der Begegnung“ genannt: Der Messias kommt in seinen Tempel und begegnet dem Gottesvolk Israel, vertreten durch Simeon und Hanna. Jesus begegnet zum ersten Mal seinem Volk: Jesus ist Jude. Das ist eine banale Selbstverständlichkeit, und wir wissen es längst - so scheint es. In der Tat, die Christen wissen seit den Tagen Jesu, dass er von Juden abstammte und selbst Jude war.
Jesus hatte aber für die Christen über große Teile der Tradition nur im Gegensatz mit dem Judentum zu tun: Er hat es verworfen - es hat ihn getötet. Die jüdische Abstammung von Jesus blieb dabei eine flüchtige, nicht weiter beachtenswerte Episode in seiner Sendung. Dass der christliche Glaube seiner Wahrheit nach mit der Wahrheit der Herkunft Jesu etwas zu tun haben könnte, blieb außerhalb des Interesses, das die kirchlichen Christen an ihm hatten. Für die Christen war nur wichtig, dass die Juden ihren Messias abgelehnt und vernichtet hatten; für die Juden war im gleichen Maß entsetzlich der Abfall der Jesus-Bewegung und die Vergeltung, die sie zu spüren bekamen, als die christliche Kirche mächtig geworden war.
Was wir jetzt genauer und endgültig wissen, was aber noch erst tiefer ins christliche Bewusstsein vordringen muss, ist die Tatsache, dass Jesus von Nazareth nicht nur seiner biologischen Herkunft nach ins jüdische Volk gehört, sondern auch seiner geistigen und religiösen Form nach Jude war und Jude sein wollte. Das heißt: seine Auffassung vom Leben, seine Beziehung zu Gott, sein Gott, sein Bild vom Menschen, seine Vorstellung vom Gang der Zeit, sein Beten, seine Haltung zum Gesetz, seine Lebensart, alles an ihm war jüdisch. Seine Leidenschaft für ein neues Verhältnis zu Gott, seine Innigkeit zum Vater, das Neue, das er bringt, kommt nicht von außerhalb, sondern aus dem Judentum selbst. Daher konnten Juden unseres Jahrhunderts den Mann aus Galiläa aus dem Gefühl innerster Verwandtschaft ansprechen. Wie Franz Werfel: „Die Menschheit Christi ist Israel.“ oder Martin Buber: „Wir Juden kennen Jesus in einer Weise, die den Heiden verborgen ist.“
Wer Jesus kennen will, muss das Volk kennen, in das er gehört, seine Geschichte, seine Überlieferung (das AT), seine großen Gestalten, sein Leben, seine Seele und sein Schicksal bis heute. Jesus ist für den Christen nicht ohne sein Judentum zu haben. Er muss daher Abschied nehmen von einer langen Tradition, die aus Jesus ein internationales Subjekt, ein allgemeines Individuum gerecht hat, bis hin zu den Versuchen, einen russischen Christus (Dostojewski) oder einen Jesus des reinen, arischen Blutes zu dichten (christliche Theologen während des Nationalsozialismus). Wir müssen ihn aus seiner allgemeinen, vom Judentum gesäuberten Menschlichkeit zurückkehren lassen in sein Volk, zu seinem Charakter und seinem Gesicht, das er haben wollte. Was dabei aussieht wie eine Verengung, wie Vereinzelung und Beschränkung, ist die Wahrheit des konkreten Lebens Jesu, und ist der Wahrheit nach mehr als das Allgemeine, ideell über der Szene der Völker Schwebende.
Jesus war der Stein des Anstoßes, an ihm haben sich Juden und Christen getrennt, über seinem Namen sich ausgeschlossen und verfolgt. Aber er bleibt in der Mitte von Judenheit und Christenheit. Wir sehen heute besser, dass Jesus der Prophet der Versöhnung, das Band, das Medium des Verstehens sein kann. Wenn auch mit bleibenden Unterschieden - beide können sich in ihm erkennen, die Juden wie die Christen, und sie können ihre Differenz aushalten. „Denn er ist unser Friede. Er hat die beiden zu einem einzigen Volk gemacht und die Mauer der Feindschaft, die sie voneinander getrennt hat, niedergerissen.“ (Eph 2,14)
Verachtung und Wertschätzung
Jesus begegnet seinem Volk Israel. - Jules Isaac, ein bekannter laizistischer Jude aus Frankreich, verlor Frau und Tochter in Auschwitz, nur weil sie Isaac hießen. Isaac beschäftigte sich intensiv mit der Lehre der Verachtung, mit dem Verhältnis von Verachtung und Gewalt. Schrittweise rechtfertigt Verachtung Gewalt und dann den Krieg. Isaac meint, dass die Verachtung in Wertschätzung und Dialog verwandelt werden muss.
Johannes XXIII. wünschte sich nach einem Gespräch mit Jules Isaac eine Erklärung zum Judentum. Angesichts der Katastrophe der Schoa haben sich alle christlichen Kirchen in Europa einem tiefen Umkehr- und Erneuerungsprozess unterworfen und die eigene antijüdische Geschichte als ein nicht unwesentlicher Faktor des säkularen Antisemitismus und Rassenwahns erkannt. Die Konzilsväter des II. Vatikanischen Konzils (1962-1965) sahen sich konfrontiert mit „knapp zwei Jahrtausenden des Misstrauens, der Beschuldigungen sowie des offenen Hasses und der Diffamierungen sowohl in theologischer als auch in gesellschaftlicher und politischer Hinsicht“, in denen das jüdische Volk seiner theologischen und vielfach auch seiner realen Existenzberechtigung beraubt wurde. Der entscheidende Schritt der Konzilserklärung „Nostra aetate“ besteht darin, dass die Kirche in ihrer Herkunft und damit in ihrer Identität unabweisbar an das Volk Israel verwiesen und das aktuelle Judentum als konstitutiver Gesprächspartner einbezogen wird.
Die am 28. Oktober 1965 verabschiedete Erklärung „Nostra aetate“ richtet sich, wie jeder Konzilstext, zuerst an die eigenen Kirchenmitglieder. Er spricht daher nicht direkt über andere Religionen und auch nicht über den interreligiösen Dialog, zu dem er ermutigen möchte, und auf den er die Kirche in Übereinstimmung mit der Kirchen- und Pastoralkonstitution verpflichtet. Aber wie das gesamte Konzil drückt auch dieser Text angesichts und mit dem Ohr der anderen zuerst die eigene Selbstbestimmung aus: Wer bin ich im Angesicht von …? Die wichtigsten Überzeugungen zum Verständnis des Textes seien kurz genannt: Die Kirche ist mit ihrer ganzen Lehrautorität der unerschütterlichen Überzeugung, dass der Heilswille Gottes alle Menschen umfängt. Daher bekennt sie sich uneingeschränkt zur Religionsfreiheit (Dignitatis Humanae) und weiß sich gesendet im Dialog für die Würde des Menschen, Frieden und Gerechtigkeit einzutreten.
Adam, wo bist du? – Wer sind wir im Angesicht der Juden?
Ernst Bloch spricht von Kälteströmen und Kälte gegenüber den Leidenden. Kälte ist nach Theodor Wiesengrund Adorno das Grundprinzip der bürgerlichen Subjektivität, ohne das Auschwitz nicht möglich gewesen wäre. Auch die Toleranz und Liberalität des bürgerlichen Subjektes ist letztlich leer. Aus der Liberalität, „aus der unterschiedslosen Güte gegen alles droht denn auch stets Kälte und Fremdheit gegen jedes.“ Die Apathie und Fühllosigkeit in der Wahrnehmung gegenüber Leid und Opfer, wie sie für eine imperialistische und gewalttätige Subjektivität kennzeichnend ist, ist auf Empfänglichkeit und Verwundbarkeit zu öffnen. „Wir wollen, wir dürfen niemals vergessen, wozu Menschen fähig sind, wenn wir aufhören, die Weltmuttersprache, die Empathie, die uns alle verbindet, zu sprechen. Von Mensch zu Mensch.“ (Bischof Benno Elbs) Eine leere Toleranz, eine hohle Liberalität, eine oberflächliche Gleichgültigkeit, eine narzisstische Achtlosigkeit … all diese Fehlhaltungen sind Analphabeten in der Sprache der Empathie. Aber auch Beschwörungsformeln, idealistische Forderungen und politische Postulate sind noch nicht automatisch verbunden mit Solidarität, Wohlwollen und Wertschätzung. Ohne Berührung mit der Not und dem Elend, ohne die Erfahrung von Angesicht zu Angesicht mit den Leidenden kommen wir nicht zu einem tragfähigen Miteinander, zu Kooperation in der Gesellschaft und in der Kirche.
Am vergangenen Montag, am 27.01.2025, war der Gedenktag an die Befreiung von Auschwitz. Es wird von vielen Seiten vor einem wieder wachsenden Hass bzw. Antisemitismus gewarnt und wir prangern als christliche Kirchen die steigende Tendenz an, die Ereignisse der Shoah zu verharmlosen oder gar zu leugnen. Verachtung und Hass entwickeln sich allmählich aus Worten, Stereotypen und Vorurteilen - durch rechtliche Ausgrenzung, Entmenschlichung und Gewalteskalation. Dieses Gedenken für die Opfer dieses schrecklichsten Verbrechens ist geprägt durch Respekt und Trauer, aber auch durch Scham. Es gilt aber auch wach zu sein für den Anstieg antisemitischer Straftaten und Gewalttaten in den letzten Jahren. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass Jüdinnen und Juden frei und in Sicherheit leben können. Alle Synagogen, Schulen und Kultstätten müssen in mehreren europäischen Ländern geschützt werden. Der Widerstand gegen Antisemitismus gehört zwar in Deutschland und Österreich zur Staatsraison. Und doch fühlen sich Juden in Europa allein gelassen und im Stich gelassen. Nicht selten ist mit der Solidarität ein „Aber“ verbunden. Wer ist verantwortlich und wer hätte etwas verhindern können? Nicht nur aus Frankreich emigrieren Jüdinnen und Juden, weil sie sich nicht mehr sicher und zu Hause fühlen und ihre Kultur, ihre Kleidung nicht selbstverständlich zeigen können.
Es war Johann Baptist Metz, der für eine Theologie „nach“ Auschwitz, d.h. für eine Rede von Gott im Angesicht der Opfer der Shoah eintrat. Metz plädiert für eine moralische Auffassung von Tradition, die nur dann Maßstäbe für das eigene Handeln aus der Geschichte gewinnt, wenn sie sich der katastrophischen Dimension der Geschichte stellt. Für diese Auffassung von Tradition ist es entscheidend, dass sich der Erinnernde in ein moralisches Verhältnis zum Erinnerten setzt, also den neutralen Standpunkt distanzierend verfahrender, am Objektivitätsideal orientierter Geschichtsforschung überwindet. Eine anamnetische Kultur gedenkt der verstummten Opfer und erklärt sich mit ihnen solidarisch.
Wer bist du im Angesicht …
Wo bist du, o Mensch? Wohin bist du gekommen? An diesem Ort, der Gedenkstätte an die Shoah, hören wir diese Frage Gottes wieder erschallen: „Adam, wo bist du?“ … Jener Ruf „Wo bist du?“ tönt hier, angesichts der unermesslichen Tragödie des Holocaust wie eine Stimme, die sich in einem bodenlosen Abgrund verliert… Mensch, wer bist du? Ich erkenne dich nicht mehr. Wer bist du, o Mensch, Wer bist du geworden? Zu welchem Gräuel bist du fähig gewesen? Was hat dich so tief fallen lassen?“ So betete Papst Franziskus in Yad Vashem angesichts der Shoah. Beten ist an diesem Ort das Hören der ersten Frage Gottes an den Menschen. Beten realisiert sich als Stehen vor dem Angesicht Gottes und mit offenen Augen für die katastrophischen Dimension des Lebens und der Geschichte stellt. Entscheidend dafür ist es, dass sich der Betende in ein moralisches Verhältnis zum Erinnerten setzen lässt, also den neutralen Standpunkt und ein distanzierendes Objektivitätsideal überwindet. Gebet angesichts der Shoah gedenkt der verstummten Opfer und erklärt sich mit ihnen solidarisch. – Es geht in letzter Konsequenz um Fragen an uns selbst: „Wo war der Mensch - und wo die Menschlichkeit -, als unseren Brüdern und Schwestern so Furchtbares zugefügt wurde?“ „Wo bist du?“ (Gen 3,9) Das ist die Urfrage Gottes an den Menschen. Die Bibel spricht nicht nur von der Suche des Menschen nach Gott, sondern auch von Gottes Suche nach dem Menschen. Es ist dies die Urfrage von Religion nach Abraham J. Heschel: „Adam, wo bist Du?“ (Gen 3,9). Wo bist Du? „Religion ist Gottes Frage und die Antwort des Menschen. … Der Weg zu Gott ist der Weg Gottes. Wenn nicht Gott die Frage stellt, ist all unser Fragen umsonst.“
Bischof Manfred Scheuer
Was wir jetzt genauer und endgültig wissen, was aber noch erst tiefer ins christliche Bewusstsein vordringen muss, ist die Tatsache, dass Jesus von Nazareth nicht nur seiner biologischen Herkunft nach ins jüdische Volk gehört, sondern auch seiner geistigen und religiösen Form nach Jude war und Jude sein wollte. Das heißt: seine Auffassung vom Leben, seine Beziehung zu Gott, sein Gott, sein Bild vom Menschen, seine Vorstellung vom Gang der Zeit, sein Beten, seine Haltung zum Gesetz, seine Lebensart, alles an ihm war jüdisch. Seine Leidenschaft für ein neues Verhältnis zu Gott, seine Innigkeit zum Vater, das Neue, das er bringt, kommt nicht von außerhalb, sondern aus dem Judentum selbst. Daher konnten Juden unseres Jahrhunderts den Mann aus Galiläa aus dem Gefühl innerster Verwandtschaft ansprechen. Wie Franz Werfel: „Die Menschheit Christi ist Israel.“ oder Martin Buber: „Wir Juden kennen Jesus in einer Weise, die den Heiden verborgen ist.“
Wer Jesus kennen will, muss das Volk kennen, in das er gehört, seine Geschichte, seine Überlieferung (das AT), seine großen Gestalten, sein Leben, seine Seele und sein Schicksal bis heute. Jesus ist für den Christen nicht ohne sein Judentum zu haben. Er muss daher Abschied nehmen von einer langen Tradition, die aus Jesus ein internationales Subjekt, ein allgemeines Individuum gerecht hat, bis hin zu den Versuchen, einen russischen Christus (Dostojewski) oder einen Jesus des reinen, arischen Blutes zu dichten (christliche Theologen während des Nationalsozialismus). Wir müssen ihn aus seiner allgemeinen, vom Judentum gesäuberten Menschlichkeit zurückkehren lassen in sein Volk, zu seinem Charakter und seinem Gesicht, das er haben wollte. Was dabei aussieht wie eine Verengung, wie Vereinzelung und Beschränkung, ist die Wahrheit des konkreten Lebens Jesu, und ist der Wahrheit nach mehr als das Allgemeine, ideell über der Szene der Völker Schwebende.
Jesus war der Stein des Anstoßes, an ihm haben sich Juden und Christen getrennt, über seinem Namen sich ausgeschlossen und verfolgt. Aber er bleibt in der Mitte von Judenheit und Christenheit. Wir sehen heute besser, dass Jesus der Prophet der Versöhnung, das Band, das Medium des Verstehens sein kann. Wenn auch mit bleibenden Unterschieden - beide können sich in ihm erkennen, die Juden wie die Christen, und sie können ihre Differenz aushalten. „Denn er ist unser Friede. Er hat die beiden zu einem einzigen Volk gemacht und die Mauer der Feindschaft, die sie voneinander getrennt hat, niedergerissen.“ (Eph 2,14)
Verachtung und Wertschätzung
Jesus begegnet seinem Volk Israel. - Jules Isaac, ein bekannter laizistischer Jude aus Frankreich, verlor Frau und Tochter in Auschwitz, nur weil sie Isaac hießen. Isaac beschäftigte sich intensiv mit der Lehre der Verachtung, mit dem Verhältnis von Verachtung und Gewalt. Schrittweise rechtfertigt Verachtung Gewalt und dann den Krieg. Isaac meint, dass die Verachtung in Wertschätzung und Dialog verwandelt werden muss.
Johannes XXIII. wünschte sich nach einem Gespräch mit Jules Isaac eine Erklärung zum Judentum. Angesichts der Katastrophe der Schoa haben sich alle christlichen Kirchen in Europa einem tiefen Umkehr- und Erneuerungsprozess unterworfen und die eigene antijüdische Geschichte als ein nicht unwesentlicher Faktor des säkularen Antisemitismus und Rassenwahns erkannt. Die Konzilsväter des II. Vatikanischen Konzils (1962-1965) sahen sich konfrontiert mit „knapp zwei Jahrtausenden des Misstrauens, der Beschuldigungen sowie des offenen Hasses und der Diffamierungen sowohl in theologischer als auch in gesellschaftlicher und politischer Hinsicht“, in denen das jüdische Volk seiner theologischen und vielfach auch seiner realen Existenzberechtigung beraubt wurde. Der entscheidende Schritt der Konzilserklärung „Nostra aetate“ besteht darin, dass die Kirche in ihrer Herkunft und damit in ihrer Identität unabweisbar an das Volk Israel verwiesen und das aktuelle Judentum als konstitutiver Gesprächspartner einbezogen wird.
Die am 28. Oktober 1965 verabschiedete Erklärung „Nostra aetate“ richtet sich, wie jeder Konzilstext, zuerst an die eigenen Kirchenmitglieder. Er spricht daher nicht direkt über andere Religionen und auch nicht über den interreligiösen Dialog, zu dem er ermutigen möchte, und auf den er die Kirche in Übereinstimmung mit der Kirchen- und Pastoralkonstitution verpflichtet. Aber wie das gesamte Konzil drückt auch dieser Text angesichts und mit dem Ohr der anderen zuerst die eigene Selbstbestimmung aus: Wer bin ich im Angesicht von …? Die wichtigsten Überzeugungen zum Verständnis des Textes seien kurz genannt: Die Kirche ist mit ihrer ganzen Lehrautorität der unerschütterlichen Überzeugung, dass der Heilswille Gottes alle Menschen umfängt. Daher bekennt sie sich uneingeschränkt zur Religionsfreiheit (Dignitatis Humanae) und weiß sich gesendet im Dialog für die Würde des Menschen, Frieden und Gerechtigkeit einzutreten.
Adam, wo bist du? – Wer sind wir im Angesicht der Juden?
Ernst Bloch spricht von Kälteströmen und Kälte gegenüber den Leidenden. Kälte ist nach Theodor Wiesengrund Adorno das Grundprinzip der bürgerlichen Subjektivität, ohne das Auschwitz nicht möglich gewesen wäre. Auch die Toleranz und Liberalität des bürgerlichen Subjektes ist letztlich leer. Aus der Liberalität, „aus der unterschiedslosen Güte gegen alles droht denn auch stets Kälte und Fremdheit gegen jedes.“ Die Apathie und Fühllosigkeit in der Wahrnehmung gegenüber Leid und Opfer, wie sie für eine imperialistische und gewalttätige Subjektivität kennzeichnend ist, ist auf Empfänglichkeit und Verwundbarkeit zu öffnen. „Wir wollen, wir dürfen niemals vergessen, wozu Menschen fähig sind, wenn wir aufhören, die Weltmuttersprache, die Empathie, die uns alle verbindet, zu sprechen. Von Mensch zu Mensch.“ (Bischof Benno Elbs) Eine leere Toleranz, eine hohle Liberalität, eine oberflächliche Gleichgültigkeit, eine narzisstische Achtlosigkeit … all diese Fehlhaltungen sind Analphabeten in der Sprache der Empathie. Aber auch Beschwörungsformeln, idealistische Forderungen und politische Postulate sind noch nicht automatisch verbunden mit Solidarität, Wohlwollen und Wertschätzung. Ohne Berührung mit der Not und dem Elend, ohne die Erfahrung von Angesicht zu Angesicht mit den Leidenden kommen wir nicht zu einem tragfähigen Miteinander, zu Kooperation in der Gesellschaft und in der Kirche.
Am vergangenen Montag, am 27.01.2025, war der Gedenktag an die Befreiung von Auschwitz. Es wird von vielen Seiten vor einem wieder wachsenden Hass bzw. Antisemitismus gewarnt und wir prangern als christliche Kirchen die steigende Tendenz an, die Ereignisse der Shoah zu verharmlosen oder gar zu leugnen. Verachtung und Hass entwickeln sich allmählich aus Worten, Stereotypen und Vorurteilen - durch rechtliche Ausgrenzung, Entmenschlichung und Gewalteskalation. Dieses Gedenken für die Opfer dieses schrecklichsten Verbrechens ist geprägt durch Respekt und Trauer, aber auch durch Scham. Es gilt aber auch wach zu sein für den Anstieg antisemitischer Straftaten und Gewalttaten in den letzten Jahren. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass Jüdinnen und Juden frei und in Sicherheit leben können. Alle Synagogen, Schulen und Kultstätten müssen in mehreren europäischen Ländern geschützt werden. Der Widerstand gegen Antisemitismus gehört zwar in Deutschland und Österreich zur Staatsraison. Und doch fühlen sich Juden in Europa allein gelassen und im Stich gelassen. Nicht selten ist mit der Solidarität ein „Aber“ verbunden. Wer ist verantwortlich und wer hätte etwas verhindern können? Nicht nur aus Frankreich emigrieren Jüdinnen und Juden, weil sie sich nicht mehr sicher und zu Hause fühlen und ihre Kultur, ihre Kleidung nicht selbstverständlich zeigen können.
Es war Johann Baptist Metz, der für eine Theologie „nach“ Auschwitz, d.h. für eine Rede von Gott im Angesicht der Opfer der Shoah eintrat. Metz plädiert für eine moralische Auffassung von Tradition, die nur dann Maßstäbe für das eigene Handeln aus der Geschichte gewinnt, wenn sie sich der katastrophischen Dimension der Geschichte stellt. Für diese Auffassung von Tradition ist es entscheidend, dass sich der Erinnernde in ein moralisches Verhältnis zum Erinnerten setzt, also den neutralen Standpunkt distanzierend verfahrender, am Objektivitätsideal orientierter Geschichtsforschung überwindet. Eine anamnetische Kultur gedenkt der verstummten Opfer und erklärt sich mit ihnen solidarisch.
Wer bist du im Angesicht …
Wo bist du, o Mensch? Wohin bist du gekommen? An diesem Ort, der Gedenkstätte an die Shoah, hören wir diese Frage Gottes wieder erschallen: „Adam, wo bist du?“ … Jener Ruf „Wo bist du?“ tönt hier, angesichts der unermesslichen Tragödie des Holocaust wie eine Stimme, die sich in einem bodenlosen Abgrund verliert… Mensch, wer bist du? Ich erkenne dich nicht mehr. Wer bist du, o Mensch, Wer bist du geworden? Zu welchem Gräuel bist du fähig gewesen? Was hat dich so tief fallen lassen?“ So betete Papst Franziskus in Yad Vashem angesichts der Shoah. Beten ist an diesem Ort das Hören der ersten Frage Gottes an den Menschen. Beten realisiert sich als Stehen vor dem Angesicht Gottes und mit offenen Augen für die katastrophischen Dimension des Lebens und der Geschichte stellt. Entscheidend dafür ist es, dass sich der Betende in ein moralisches Verhältnis zum Erinnerten setzen lässt, also den neutralen Standpunkt und ein distanzierendes Objektivitätsideal überwindet. Gebet angesichts der Shoah gedenkt der verstummten Opfer und erklärt sich mit ihnen solidarisch. – Es geht in letzter Konsequenz um Fragen an uns selbst: „Wo war der Mensch - und wo die Menschlichkeit -, als unseren Brüdern und Schwestern so Furchtbares zugefügt wurde?“ „Wo bist du?“ (Gen 3,9) Das ist die Urfrage Gottes an den Menschen. Die Bibel spricht nicht nur von der Suche des Menschen nach Gott, sondern auch von Gottes Suche nach dem Menschen. Es ist dies die Urfrage von Religion nach Abraham J. Heschel: „Adam, wo bist Du?“ (Gen 3,9). Wo bist Du? „Religion ist Gottes Frage und die Antwort des Menschen. … Der Weg zu Gott ist der Weg Gottes. Wenn nicht Gott die Frage stellt, ist all unser Fragen umsonst.“
Bischof Manfred Scheuer